Diese Woche erschien in der Zeit ein Artikel zum Schicksal von Kindern aus Arbeiter_innenfamilien. Ich habe schon länger mal überlegt, darüber was zu bloggen. Da das aber eng mit meiner Mobbinggeschichte verbunden ist, habe ich das immer wieder vor mir her geschoben. Da ich aber evtl. nächste Woche mit @Mandelbroetchen den Arbeiterkind-Stammtisch besuchen möchte, passt mir das gerade in den Kram. Das hier ist eine persönliche Geschichte, eine Sammlung aus Erinnerungen bzw. Gedanken, kein politischer Text mit großartigen gesellschaftskritischen Thesen. Nichts, was nicht auch schon andere gesagt haben, aber eben ein Beispiel.
Ich bin an sich kein Arbeiter_innenkind - ich bin eine Tochter aus einem Hartz 4-Haushalt. Meine Mutter ist ungelernt, geht aber seit vielen Jahren putzen. Mein Vater hat gegen den Willen seiner Mutter die Fachhochschulreife abgeschlossen, einen Beruf gelernt und lange Jahre gearbeitet. Nun hat er drei abgeschlossene Berufsausbildungen, eigentlich wäre er Büroangestellter, heute arbeitet er aber im sozialen Bereich. Meine gesamte Schulzeit über war ich aber eben "die mit dem arbeitslosen Vater" - unabhängig davon, ob mein Papa gerade in einer der vielen Maßnahmen des Arbeitsamts/einer Fortbildung steckte oder zuhause war. Wenn man nach den Zahlen geht, waren wir "arm", Geld war immer knapp. Ich bin froh über mein Elternhaus und stolz auf meine Eltern, darum soll es hier gar nicht gehen! Es gab aber eben Schwierigkeiten, die mit Geld zu tun hatten - Stichwort Teilhabe.
In der Grundschule war ich nach kurzen Anfangsschwierigkeiten eine der Klassenbesten. Ich lernte gerne, lesen wurde meine Leidenschaft und ich wurde sehr viel gefördert. Mein Vater war zuhause und half mir jeden Nachmittag bei den Hausaufgaben. Nichts blieb ungelöst, nichts unerklärt - seine Unterstützung war unerschöpflich, seine Geduld nicht immer - meine auch nicht ;-) Spätestens in der 8. Klasse ging mir die Lernerei mit ihm gehörig auf die Nerven, trotzdem bin ich für die Hilfe noch heute sehr dankbar. Irgendwann stießen meine Eltern aber natürlich an ihre Grenzen. Wir waren nun mal kein Haushalt voller Akademiker_innen, viele Dinge waren für meine Eltern neu.
Ich hatte ich eine großartige Grundschullehrerin. Sie setzte sich immer persönlich dafür ein, damit ich an allen Schulausflügen teilnehmen konnte - auch, wenn meine Eltern sie sich nicht leisten konnten. Die Gymnasialempfehlung war gar keine Frage, ich konnte die Ansprüche locker erfüllen. Schon in der dritten Klasse hieß es von meinen Eltern aus immer: "Wenn du dann auf's Gymnasium gehst..." und ab der siebten Klasse: "Wenn du dann studieren gehst...". Ich musste nie darum kämpfen, auf's Gymnasium zu gehen - ganz im Gegenteil kam gar nichts anderes in Frage. Der Kampf begann erst auf dem Gymnasium.
In der Grundschule spielte es noch keine Rolle, was meine Eltern taten, auf dem Gymnasium schon. Eine Freundin ließ irgendwann einmal durchblicken, dass ich einen arbeitslosen Vater hatte und schon war es um meine soziale Stellung in der Klasse geschehen. Ab der 6. Klasse wurde ich in der Klasse ausgegrenzt, beschimpft, auf dem Nachhauseweg verfolgt und nachmittags zuhause angerufen. [1] Ich war trotzdem immer gut in der Schule, auch unter diesen schrecklichen Umständen. Das heizte die Mobber_innen sogar noch mehr an - arm und schlau, das geht nicht! Ich gehörte nicht an diesen Ort, das Gymnasium stand mir nicht zu. Also wurde sich darüber lustig gemacht, was für Klamotten ich trug, dass wir kein Auto hatten, nie in Urlaub fuhren und ich keine Geburtstagsfeiern im Kino veranstalten konnte. Was die Eltern beruflich machen und wieviel Taschengeld wir bekommen, das waren Unterrichtsthemen, die mir große Angst machten. Ich bekam nämlich kein Taschengeld.
Ich wechselte in der 8. Klasse die Schule - auf ein anderes Gymnasium, denn meine Zukunft wollte ich mir nicht verbauen lassen. Ohne hier auszuführen, wie es an der neuen Schule weiterging: Ich war weiterhin eine gute Schülerin, machte erfolgreich mein Abitur. Im 10. Schuljahr entschied ich mich, nach dem Abi Germanistik zu studieren, in der 11 schaute ich mir die Unis an, die für mich in Frage kämen. Mein Weg war vorgezeichnet und ich ging ihn sehr geradlinig, wusste was ich machen wollte.
Ich musste das auch wissen, denn mir wurden mehr Steine in den Weg gelegt als meinen Mitschüler_innen. In der Oberstufe wurde ich regelmäßig "vom Amt" eingeladen, um über meine Zukunft zu sprechen. Der Sachbearbeiter ließ mich eine Eingliederungsvereinbarung unterschreiben. Sowas müssen Hartz 4-Empfänger_innen tun, um vertraglich zu vereinbaren, dass sie sich regelmäßig bewerben usw., damit es nicht zu Leistungskürzungen kommt. Ich musste unterschreiben (ja, "Vereinbarung" klingt freiwillig, ist es aber nicht), dass ich regelmäßig zur Schule gehe und mein Abi mache. Meine Noten und Fehlstunden wurden notiert und man zeigte sich sichtlich beeindruckt von der schüchternen 16jährigen, die genau wusste, was sie studieren wollte und trotz "Armut" gut in der Schule war. Es war absurd! Mitschüler_innen aus Familien mit besserem Einkommen durften "machen, was sie wollten". Ob gute oder schlechte Noten, Fehlstunden oder nicht - Ärger machten ihnen höchstens die Eltern und solange die Versetzung nicht gefährdet war, war klar, dass dem Abi nichts im Wege stand. Meine Eltern hatte nie Grund zur Klage, aber ich wäre eben ggf. von außen zu einer Ausbildung gezwungen worden. Das ist ein wahnsinniger Druck für einen heranwachsenden Menschen. Die Angst, eine Person könnte kommen und mir meine Schulbildung wegnehmen, nur weil ich mal ein halbes Jahr ins Straucheln komme, was eigentlich jeder_m Jugendlichen zustehen sollte.
Meine Abiturzeugnisvergabe habe ich in mittelschöner Erinnerung. Es war schade, dass unser Abiball ausfiel, aber ich war froh, kein Geld für ein teures Kleid zusammenkratzen zu müssen. Bei der Zeugnisvergabe bekamen dann unsere beiden Besten von der Schule eine nicht unerhebliche Summe Geld geschenkt. Eine Freundin aus ähnlichen finanziellen Verhältnissen und ich bekamen kaum den Mund zu. Wir beide hatten richtig gekämpft für unseren Abschluss und beide sehr gut abgeschnitten. Wir sind sehr früh selbst arbeiten gegangen - ich habe in den feinsten Häusern Nachhilfe gegeben. Wir hatten beide einen Studienplatz in Aussicht und wussten nicht, wovon wir da leben würden. Die beiden, die von unserer Schule mit Geld belohnt wurden, bekamen beide von ihren Eltern einen Laptop zum Abi.
Es blieb das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden - und ja, da war eine gehörige Portion Neid dabei. Sowas wie Internetzugang hatten wir sehr sehr spät (freien Zugang für uns Töchter so als ich in der 12. Klasse war). Ein Duden kostet wahnsinnig viel Geld, das denkt man sich gar nicht, und im Deutsch LK werden natürlich viele Bücher gelesen. Zusatzlektüre, um für's Abi zu lernen, konnten wir uns nicht leisten. Klassenfahrten kosten ein Vermögen und wurden vom Mund abgespart. Eine Mitschülerin, die eine Busfahrkarte von der Schule bekam, nutzte
diese ziemliche genau nie, sondern wurde vom Vater mit dem dicken Benz
zur Schule gebracht. Ich bekam keine Fahrkarte bezahlt, meine Eltern
hatten kein Auto. Hätte ich jemals Nachhilfe gebraucht, hätte ich sie nicht bekommen können. Ich musste gut in der Schule sein, denn ich konnte keine Hilfe bekommen.
Hier zeigt sich ganz klar, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, was das Wohlbefinden einfach sehr beeinflussen kann. Es ist nicht fair, dass manche in einem weniger ruhigen Umfeld lernen müssen als andere. Gymnasiast_innen und Lehrer_innen (das kenne ich hauptsächlich aus Erzählungen von anderen, ich hatte da Glück) gehen vielfach immer noch davon aus, dass das Gymnasium nur für die Elite da ist. Und die Elite sind die, die viel verdienen. Mir wehte vielfach der Wind entgegen, dass die Schulform weniger über die Noten, als über die soziale Stellung des Elternhauses aussagt.
Und heute? Ich studiere, bekomme BAföG und gehe arbeiten - bei meiner Schwester sieht es genauso aus. Im Herbst mache ich meinen Master und ich träume davon, zu promovieren. Meine Eltern verstehen kaum, was ich da in der Uni eigentlich tue, diese Welt ist ihnen fremd. Erst seitdem ich mehr arbeite als "nur" Nachhilfe, verstehen sie, dass ich arbeite. Meine Lernerei ist für sie weniger Arbeit - auch wenn sie immer gefördert haben, dass ich genau da bin, wo ich nun bin. Vor meiner weiteren Verwandtschaft darf ich mich auch immer wieder für mein Studium rechtfertigen. Und dabei studiere ich in Regelstudienzeit ;-)
Natürlich ist die Perspektive nach dem Studium für uns gleich: Wer nach demAbschluss nicht sofort einen Job hat, fällt in Hartz 4. Der Unterschied ist, dass ich am eigenen Leib gespürt habe, was das heißt. Ich will da nicht wieder hin und falle derzeit schon mal gerne in so einen Strudel aus Angst und Leistungsdruck.
[1] Ich glaube, in der 5. Klasse war noch alles okay - mein Gehirn verbietet
mir, mich an zu viel zu erinnern. Bis heute gibt es gewisse Trigger und
vor allem (Verlust-)Ängste, ich habe das alles nie richtig verarbeitet
und möchte das deswegen auch hier nicht zu sehr ausführen - evtl. mache
ich das irgendwann mal, wenn Interesse besteht. Menschen, die mich
kennen, verstehen vielleicht ein paar meiner Verhaltensweisen besser,
wenn sie Teile meiner Geschichte kennen.
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Freitag, 1. Februar 2013
Dienstag, 17. Januar 2012
Heidelbeeren im Dezember?!
(c) by m.prinke
In unserer modernen und technisierten Zeit bemerken wir eigentlich kaum noch, dass die Natur derzeit eigentlich eine Vegetationspause macht - zumindest nicht, wenn wir das nicht ganz bewusst bemerken wollen.
Wir betreten mitten im Januar den Supermarkt und finden eigentlich alles so vor wie immer. Die Obst- und Gemüsetheken sind reichhaltig und abwechslungsreich gefüllt. Äpfel, Birnen, sogar Erdbeeren finden sich. Nur daran, dass es besonders viele Zitrusfrüchte gibt, ist erkennbar, dass bei uns Winter ist.
Eigentlich sind wir privilegiert, denn wir müssen auch im Winter nicht hungern oder auf Vitamine verzichten und unser Speiseplan bleibt abwechslungsreich.
Wenn man sich jedoch mal genauer anschaut, was da im Gemüseregal liegt und vor allem, wo es herkommt, sollte der ökologisch denkende Mensch aufmerken.
Da werden im Winter Tomaten aus Spanien herangeschafft, die Paprika kommen aus Israel oder Ägypten und die Orangen aus Brasilien.
Wenn man das mal durchrechnet, wie viele Kilometer für ein Abendessen mit gemischtem Gemüse zusammengeflogen, -gefahren und -geschifft werden! Flugzeuge brauchen Kerosin, LKWs Benzin und dann stehen diese auch noch im Stau rum, während unsere Nahrungsmittel über hunderte oder gar tausende Kilometer ununterbrochen gekühlt werden müssen.
Für mich persönlich gab es irgendwann nicht nur die Erkenntnis, dass ich vegetarisch leben will und mir so viel ich mir leisten kann in Bioqualität kaufe - auch Regionalität war und ist ein wichtiges Thema.
Klar koche ich gerne und viel exotisch und die Ananas wächst nun mal nicht im Vorgarten, sie muss exportiert werden - aber brauche ich wirklich im Dezember Heidelbeeren?
Heimisches Gemüse und Obst kaufe ich nur noch, wenn es auch hier bei uns Saison hat. Ich kaufe regional ein. Da ich in der Nähe zu den BeNeLux-Staaten wohne, ist Holland für mich näher als Bayern und auch das beachte ich beim Einkauf.
Ich habe einfach mal gegoogelt, was mal unter „Saisonkalender“ so finden kann und war ganz überrascht, was derzeit auch bei uns noch wächst bzw. gelagert wird. Manchmal muss man da mutig und erfinderisch sein, denn nicht alle Gemüsesorten, die derzeit Saison haben, sind auch noch wirklich bekannt. Ich hatte noch nie vorher Schwarzwurzeln gegessen, aber bin dank meiner Einkaufsumstellung viel flexibler und erfinderischer geworden - und habe dabei nur gewonnen.
Mein Ziel ist es, Importwaren in meinem Speiseplan so weit zu reduzieren, wie es geht und nur eingeflogene Sachen zu kaufen, die ich in Deutschland sonst nicht bekommen könnte.
Zudem sei hier noch erwähnt, dass meine Avocado aus Nordafrika sicher eine bessere Ökobilanz hat als ein Schnitzel aus Deutschland ;-)
Samstag, 10. Dezember 2011
Choosing to die
Ada_Rot hat mir vor zwei Wochen auf Twitter diese Doku empfohlen. Gerade habe ich sie mir endlich angesehen und bin sehr sehr bewegt. Terry Pratchett, einer meiner liebsten Autoren, hat seit einigen Jahren Alzheimer und beschäftigt sich nun mit dem Thema Sterbehilfe. Er besuchte hier mehrere Familien und begleitete sie.
Meine Tante starb vor fast fünf Jahren nach sehr langer Krebskrankheit und wir haben in der Familie mal Sterbehilfe besprochen. Im Nachhinein kann ich mir nur wünschen, meine Tante hätte ihren Tod selbst gewählt...
Die Doku ist sehr sehr warm, vorsichtig und positiv - sie geht richtig ans Herz. Ich habe Rotz und Wasser geheult, besonders wenn am Ende der Tod eines Mannes gezeigt wird. Das ist richtig hart, aber irgendwie auch schön, wenn man weiß wie es auch anders aussehen kann.
Ich hoffe, Terry hat noch viele viele Jahre und muss sich noch nicht so bald entscheiden.
Freitag, 18. November 2011
Haustier oder nicht, das ist hier die Frage
Ich bin mit Tieren aufgewachsen. Wir hatten einen Wellensittich, mehrere Nymphensittiche, einen chinesischen Seidenhamster und eben immer Katzen. Katzenlos bin ich erst seit zwei Jahren, seitdem ich Zuhause ausgezogen bin.
Schon mit meinem Ex habe ich darüber nachgedacht, ob wir uns eine Katze anschaffen wollen. Wir haben uns dann aber entschlossen, dass wir uns nicht jetzt schon so lange an ein Tier binden wollen - im Nachhinein war die Entscheidung natürlich sehr gut. Spätestens die Trennung hätte Probleme gemacht.
Jetzt, alleine, denke ich wieder über Haustiere nach. Ich mag es einfach, Tiere um mich zu haben und hätte gerne etwas, um das ich mich kümmern kann. Zumal die Wohnung ja für mich alleine sehr groß ist, ich würde gerne jemandem eine Heimat geben.
Ein alter Kater wäre schön. Einer, den im Tierheim niemand mehr haben möchte und der einsam ist. Jemand Verschmustes, der noch ein paar schöne Jahre bei mir verbringen möchte.
Aber ich bin viel zu oft übers Wochenende weg und niemand könnte täglich füttern kommen. Derzeit bin ich eh noch zu unsortiert hier. Aber ein Kater wäre eben der eigentliche Traum. Ich liebe Katzen einfach - besonders den Kater, der bei meinen Eltern lebt. Wir beide sind ziemlich gute Freund_innen.
Oder eine Eule und Fledermäuse - passend zur Dachwohnung. Aber das sind natürlich keine Haustiere ;-)
Alternativen wären Hamster, Wellensittiche oder vielleicht Ratten. Mit den ersten beiden kenne ich mich aus, Ratten kenne ich nur vom Exfreund, der anfangs welche hatte - Napoleon & Aladdin. Sie starben aber noch bevor wir zusammenzogen und waren nicht handzahm. Aber ich finde Ratten spannend, Nager allgemein.
Vögel tun mir im Käfig mittlerweile einfach zu sehr leid. Ich würde sie auch fliegen lassen wollen, aber mein Wohnzimmer hat hohe Wände und geht bis unters Dach - ich würde den Vogel nie wieder eingefangen bekommen.
Nun ja, ich bin noch unentschlossen und bevor das Bafög-Amt nicht in die Gänge kommt und ich weiß, wieviel Geld ich denn übrig hätte, um eventuell ein Tier ernähren zu können, wird eh nichts entschieden.
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