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Sonntag, 28. Juli 2013

Leseprobe: "Ich bin kein Sexist, aber..."


Ich hatte die große Ehre, zusammen mit Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst und Mithu Sanyal ein Buch über Sexismus im Allgemeinen und natürlich im Speziellen über den #Aufschrei zu schreiben. Das Ergebnis ist "Ich bin kein Sexist, aber... Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden", erschienen im Orlanda Verlag. Beziehen könnt ihr unser Buch über den Verlag, via Amazon oder in gut sortierten Buchhandlungen. EDIT: Ab August soll es das Buch auch als ebook geben.
 
Nachdem Mina schon am Freitag eine Leseprobe aus ihrem Text zur Verfügung stellte, könnt ihr im Folgenden die ersten Absätze aus meinem Kapitel "Reaktionären Reaktionen – der Versuch, gegen Sexismus zu argumentieren" lesen.
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Irgendeine Nacht im Januar, drei Uhr morgens - ich sitze im Schlafanzug vor dem Notebook und weine. Vor wenigen Stunden hat Nicole von Horst ihre ersten Erlebnisse mit Sexismus und sexueller Belästigung getwittert. Ich fühlte mich an eigene Geschichten erinnert und mich ihr deshalb verbunden – ich twitterte also auch meine Erfahrungen. Daraufhin entstand ein Dialog mit Anne Wizorek, die den Hashtag #aufschrei vorschlug, und damit brach die Lawine los. Die nächsten Tage sind irgendwie "Geschichte" geworden.
Betrachten wir #aufschrei mit dem Abstand von drei Monaten: Die Aktion hat vielen eine Stimme gegeben, die bisher stumm waren, aber leider auch Betroffene retraumatisiert. Diejenigen, die jahrelang geschwiegen haben und nicht laut aussprechen konnten, dass ihnen ein Unrecht geschehen ist, bekamen nun die Möglichkeit dazu. Es wurden Erlebnisse mit zudringlichen Familienmitgliedern oder Partner_innen, Sexismus in Schulen, in der Werbung, Vergewaltigungen geschildert. Das Internet half ein bisschen, die Scham zu nehmen – brachte aber natürlich keine Anonymität. Aus dem Grund trafen die oft reaktionären Reaktionen der Kritiker_innen viele von uns mitten ins Herz.
Dadurch, dass nicht nur ein oder zwei Menschen von ihren Erlebnissen mit Sexismus berichteten, rückten die Opfer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - oder hätten dorthin rücken können, wäre an vielen Stellen nicht versucht worden, ihnen diese Aufmerksamkeit zu nehmen. Meine persönlich erste Reaktion auf all die Geschichten, die trotz (oder wegen) der twittereigenen Beschränkung auf 140 Zeichen eine unglaubliche Kraft hatten, war irgendwas zwischen Empörung, Wut und Verbundenheitsgefühl. Meine Tränen waren Zeichen von Traurigkeit und Überforderung. Bestärkt wurden diese Gefühle von den Tweets, die versuchten, #aufschrei ins Lächerliche, ins Banale zu ziehen. Aussagen von Menschen, die teilweise dagegen argumentierten und teilweise einfach nur bösartig und hasserfüllt waren.
In diesem Beitrag möchte ich mich mit den Reaktionen beschäftigen, denn bei Betrachtung der Vorwürfe gegen #aufschrei und #Tugendfuror lassen sich gewisse Muster erkennen.
Macht ist eine ganz wichtige Komponente beim Thema Sexismus. Wenn eine Person einer anderen vorwirft, etwas falsch gemacht zu haben, ist eine der typischen Reaktionen, den Vorwurf von sich zu weisen. Öffentlich gesagt zu bekommen, einen Fehler gemacht zu haben, bedeutet für viele Gesichtsverlust – damit einher geht dann die Angst, die gesellschaftliche Stellung und damit verbundene Macht zu verlieren.
Viele Männer reagierten sehr empathisch auf die verschiedenen Geschichten. Vielen war anscheinend nicht bewusst, wie das alltägliche Leben zahlreicher Frauen aussieht. Einige Männer bekamen den Eindruck, sich in einer ganz anderen Lebenswelt zu bewegen. Ich habe sehr viele Statements von Männern gelesen, die angeregt wurden, ihr eigenes Verhalten zu überdenken und dies auch taten. Sie merkten, dass das, was sie für sich immer als okay definiert oder sich einfach herausgenommen hatten, nicht immer als korrekt empfunden wurde. Hier hat die Debatte wirklich etwas bewegen können.
Leider gab es da aber auch die Gegenseite, und die fühlte sich von den Tweets auf den Schlips getreten. Diesen Leuten fiel es schwer, Empathie mit den Opfern zu empfinden, und sie gingen zum Angriff über. Anders lässt sich nicht erklären, dass der Hashtag ganz schnell Menschen anzog, die den Twitternden Vorwürfe machten oder sich beschwerten, weil sie sich angesprochen fühlten. Für sie war nur die eigene Person wichtig, die da eventuell angegriffen werden könnte, was auf keinen Fall gerechtfertigt wäre. Bei einigen entstand auch das Gefühl der Ausgrenzung, weil sie nicht auf der Seite der Opfer standen und ausnahmsweise mal nicht diskursbestimmend waren.

Freitag, 1. Februar 2013

"Wenn du dann studieren gehst..."

Diese Woche erschien in der Zeit ein Artikel zum Schicksal von Kindern aus Arbeiter_innenfamilien. Ich habe schon länger mal überlegt, darüber was zu bloggen. Da das aber eng mit meiner Mobbinggeschichte verbunden ist, habe ich das immer wieder vor mir her geschoben. Da ich aber evtl. nächste Woche mit @Mandelbroetchen den Arbeiterkind-Stammtisch besuchen möchte, passt mir das gerade in den Kram. Das hier ist eine persönliche Geschichte, eine Sammlung aus Erinnerungen bzw. Gedanken, kein politischer Text mit großartigen gesellschaftskritischen Thesen. Nichts, was nicht auch schon andere gesagt haben, aber eben ein Beispiel.

Ich bin an sich kein Arbeiter_innenkind - ich bin eine Tochter aus einem Hartz 4-Haushalt. Meine Mutter ist ungelernt, geht aber seit vielen Jahren putzen. Mein Vater hat gegen den Willen seiner Mutter die Fachhochschulreife abgeschlossen, einen Beruf gelernt und lange Jahre gearbeitet. Nun hat er drei abgeschlossene Berufsausbildungen, eigentlich wäre er Büroangestellter, heute arbeitet er aber im sozialen Bereich. Meine gesamte Schulzeit über war ich aber eben "die mit dem arbeitslosen Vater" - unabhängig davon, ob mein Papa gerade in einer der vielen Maßnahmen des Arbeitsamts/einer Fortbildung steckte oder zuhause war. Wenn man nach den Zahlen geht, waren wir "arm", Geld war immer knapp. Ich bin froh über mein Elternhaus und stolz auf meine Eltern, darum soll es hier gar nicht gehen! Es gab aber eben Schwierigkeiten, die mit Geld zu tun hatten - Stichwort Teilhabe.

In der Grundschule war ich nach kurzen Anfangsschwierigkeiten eine der Klassenbesten. Ich lernte gerne, lesen wurde meine Leidenschaft und ich wurde sehr viel gefördert. Mein Vater war zuhause und half mir jeden Nachmittag bei den Hausaufgaben. Nichts blieb ungelöst, nichts unerklärt - seine Unterstützung war unerschöpflich, seine Geduld nicht immer - meine auch nicht ;-) Spätestens in der 8. Klasse ging mir die Lernerei mit ihm gehörig auf die Nerven, trotzdem bin ich für die Hilfe noch heute sehr dankbar. Irgendwann stießen meine Eltern aber natürlich an ihre Grenzen. Wir waren nun mal kein Haushalt voller Akademiker_innen, viele Dinge waren für meine Eltern neu.
Ich hatte ich eine großartige Grundschullehrerin. Sie setzte sich immer persönlich dafür ein, damit ich an allen Schulausflügen teilnehmen konnte - auch, wenn meine Eltern sie sich nicht leisten konnten. Die Gymnasialempfehlung war gar keine Frage, ich konnte die Ansprüche locker erfüllen. Schon in der dritten Klasse hieß es von meinen Eltern aus immer: "Wenn du dann auf's Gymnasium gehst..." und ab der siebten Klasse: "Wenn du dann studieren gehst...". Ich musste nie darum kämpfen, auf's Gymnasium zu gehen - ganz im Gegenteil kam gar nichts anderes in Frage. Der Kampf begann erst auf dem Gymnasium.
In der Grundschule spielte es noch keine Rolle, was meine Eltern taten, auf dem Gymnasium schon. Eine Freundin ließ irgendwann einmal durchblicken, dass ich einen arbeitslosen Vater hatte und schon war es um meine soziale Stellung in der Klasse geschehen. Ab der 6. Klasse wurde ich in der Klasse ausgegrenzt, beschimpft, auf dem Nachhauseweg verfolgt und nachmittags zuhause angerufen. [1] Ich war trotzdem immer gut in der Schule, auch unter diesen schrecklichen Umständen. Das heizte die Mobber_innen sogar noch mehr an - arm und schlau, das geht nicht! Ich gehörte nicht an diesen Ort, das Gymnasium stand mir nicht zu. Also wurde sich darüber lustig gemacht, was für Klamotten ich trug, dass wir kein Auto hatten, nie in Urlaub fuhren und ich keine Geburtstagsfeiern im Kino veranstalten konnte. Was die Eltern beruflich machen und wieviel Taschengeld wir bekommen, das waren Unterrichtsthemen, die mir große Angst machten. Ich bekam nämlich kein Taschengeld.

Ich wechselte in der 8. Klasse die Schule - auf ein anderes Gymnasium, denn meine Zukunft wollte ich mir nicht verbauen lassen. Ohne hier auszuführen, wie es an der neuen Schule weiterging: Ich war weiterhin eine gute Schülerin, machte erfolgreich mein Abitur. Im 10. Schuljahr entschied ich mich, nach dem Abi Germanistik zu studieren, in der 11 schaute ich mir die Unis an, die für mich in Frage kämen. Mein Weg war vorgezeichnet und ich ging ihn sehr geradlinig, wusste was ich machen wollte.
Ich musste das auch wissen, denn mir wurden mehr Steine in den Weg gelegt als meinen Mitschüler_innen. In der Oberstufe wurde ich regelmäßig "vom Amt" eingeladen, um über meine Zukunft zu sprechen. Der Sachbearbeiter ließ mich eine Eingliederungsvereinbarung unterschreiben. Sowas müssen Hartz 4-Empfänger_innen tun, um vertraglich zu vereinbaren, dass sie sich regelmäßig bewerben usw., damit es nicht zu Leistungskürzungen kommt. Ich musste unterschreiben (ja, "Vereinbarung" klingt freiwillig, ist es aber nicht), dass ich regelmäßig zur Schule gehe und mein Abi mache. Meine Noten und Fehlstunden wurden notiert und man zeigte sich sichtlich beeindruckt von der schüchternen 16jährigen, die genau wusste, was sie studieren wollte und trotz "Armut" gut in der Schule war. Es war absurd! Mitschüler_innen aus Familien mit besserem Einkommen durften "machen, was sie wollten". Ob gute oder schlechte Noten, Fehlstunden oder nicht - Ärger machten ihnen höchstens die Eltern und solange die Versetzung nicht gefährdet war, war klar, dass dem Abi nichts im Wege stand. Meine Eltern hatte nie Grund zur Klage, aber ich wäre eben ggf. von außen zu einer Ausbildung gezwungen worden. Das ist ein wahnsinniger Druck für einen heranwachsenden Menschen. Die Angst, eine Person könnte kommen und mir meine Schulbildung wegnehmen, nur weil ich mal ein halbes Jahr ins Straucheln komme, was eigentlich jeder_m Jugendlichen zustehen sollte.

Meine Abiturzeugnisvergabe habe ich in mittelschöner Erinnerung. Es war schade, dass unser Abiball ausfiel, aber ich war froh, kein Geld für ein teures Kleid zusammenkratzen zu müssen. Bei der Zeugnisvergabe bekamen dann unsere beiden Besten von der Schule eine nicht unerhebliche Summe Geld geschenkt. Eine Freundin aus ähnlichen finanziellen Verhältnissen und ich bekamen kaum den Mund zu. Wir beide hatten richtig gekämpft für unseren Abschluss und beide sehr gut abgeschnitten. Wir sind sehr früh selbst arbeiten gegangen - ich habe in den feinsten Häusern Nachhilfe gegeben. Wir hatten beide einen Studienplatz in Aussicht und wussten nicht, wovon wir da leben würden. Die beiden, die von unserer Schule mit Geld belohnt wurden, bekamen beide von ihren Eltern einen Laptop zum Abi.
Es blieb das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden - und ja, da war eine gehörige Portion Neid dabei. Sowas wie Internetzugang hatten wir sehr sehr spät (freien Zugang für uns Töchter so als ich in der 12. Klasse war). Ein Duden kostet wahnsinnig viel Geld, das denkt man sich gar nicht, und im Deutsch LK werden natürlich viele Bücher gelesen. Zusatzlektüre, um für's Abi zu lernen, konnten wir uns nicht leisten. Klassenfahrten kosten ein Vermögen und wurden vom Mund abgespart. Eine Mitschülerin, die eine Busfahrkarte von der Schule bekam, nutzte diese ziemliche genau nie, sondern wurde vom Vater mit dem dicken Benz zur Schule gebracht. Ich bekam keine Fahrkarte bezahlt, meine Eltern hatten kein Auto. Hätte ich jemals Nachhilfe gebraucht, hätte ich sie nicht bekommen können. Ich musste gut in der Schule sein, denn ich konnte keine Hilfe bekommen.
Hier zeigt sich ganz klar, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, was das Wohlbefinden einfach sehr beeinflussen kann. Es ist nicht fair, dass manche in einem weniger ruhigen Umfeld lernen müssen als andere. Gymnasiast_innen und Lehrer_innen (das kenne ich hauptsächlich aus Erzählungen von anderen, ich hatte da Glück) gehen vielfach immer noch davon aus, dass das Gymnasium nur für die Elite da ist. Und die Elite sind die, die viel verdienen. Mir wehte vielfach der Wind entgegen, dass die Schulform weniger über die Noten, als über die soziale Stellung des Elternhauses aussagt.

Und heute? Ich studiere, bekomme BAföG und gehe arbeiten - bei meiner Schwester sieht es genauso aus. Im Herbst mache ich meinen Master und ich träume davon, zu promovieren. Meine Eltern verstehen kaum, was ich da in der Uni eigentlich tue, diese Welt ist ihnen fremd. Erst seitdem ich mehr arbeite als "nur" Nachhilfe, verstehen sie, dass ich arbeite. Meine Lernerei ist für sie weniger Arbeit - auch wenn sie immer gefördert haben, dass ich genau da bin, wo ich nun bin. Vor meiner weiteren Verwandtschaft darf ich mich auch immer wieder für mein Studium rechtfertigen. Und dabei studiere ich in Regelstudienzeit ;-)
Natürlich ist die Perspektive nach dem Studium für uns gleich: Wer nach demAbschluss nicht sofort einen Job hat, fällt in Hartz 4. Der Unterschied ist, dass ich am eigenen Leib gespürt habe, was das heißt. Ich will da nicht wieder hin und falle derzeit schon mal gerne in so einen Strudel aus Angst und Leistungsdruck.

[1] Ich glaube, in der 5. Klasse war noch alles okay - mein Gehirn verbietet mir, mich an zu viel zu erinnern. Bis heute gibt es gewisse Trigger und vor allem (Verlust-)Ängste, ich habe das alles nie richtig verarbeitet und möchte das deswegen auch hier nicht zu sehr ausführen - evtl. mache ich das irgendwann mal, wenn Interesse besteht. Menschen, die mich kennen, verstehen vielleicht ein paar meiner Verhaltensweisen besser, wenn sie Teile meiner Geschichte kennen.

Dienstag, 20. November 2012

10 Jahre Gewaltschutzgesetz

Ich war heute auf einer Informationsveranstaltung in meiner Heimatstadt. Thema der Veranstaltung war das 10jährige Jubiläum des Gewaltschutzgesetzes. Nach dem Grußwort des stellvertretenden Bürgermeisters (zu dem ich irgendwo nochmal gesondert was sagen will, weil es so grausig war) gab es einen Vortrag von Luzia Kleene und eine Expertinnenrund mit drei engagierten Frauen aus dem Kreis.

Luzia Kleene ist Juristin und Sozialpädagogin aus Düsseldorf und seit 25 Jahren in der Anti-Gewalt-Arbeit tätig. Sie berichtete vom Werdegang des Gewaltschutzgesetzes.
Das Gewaltschutzgesetz wurde 2002 einstimmig im Bundestag beschlossen - wann hat man das schon mal. Dem gingen viel Vorarbeit und Modellprojekte voraus. Heute gilt das Gewaltschutzgesetz in allen deutschsprachigen Ländern Europas.
Das Gewaltmonopol des Staates hört heute nicht mehr an der Haustüre auf und häusliche Gewalt wird nicht mehr abfällig als "Familienstreitigkeit" bezeichnet. Durch das Gewaltschutzgesetz steht der Schutz des Opfers im Mittelpunkt und es ist klar: Wer schlägt, der geht.

Immer noch wollen viele Opfer keine Anzeige erstatten - manchmal, weil Kinder im Haushalt leben oder die Opfer sich noch nicht klar sind, ob sie sich von Täter_innen trennen wollen. Immer noch liegt die Beweislast beim Opfer und da es meistens keine Zeug_innen für die Gewalt gibt, schrecken viele vor einer Anzeige zurück. Des Weiteren steht das Umgangsrecht des Elternteils über dem Gewaltschutzgesetz. Opfer, die mit dem gewalttätigen Partner Kinder haben, müssen also in vielen Fällen noch Kontakt mit dem Täter halten und sind so oft großer Gefahr ausgesetzt.
Bei Zuwiderhandlung gegen den von der Polizei ausgesprochenen Wohnungsverweis, droht den Täter_innen meistens keine Ordnungshaft und das geringe Ordnungsgeld hat kaum abschreckende Wirkung. Viele Verfahren werden immer noch eingestellt, was wiederum viele vor einer Anzeige zurückschrecken lässt - ein Kreislauf.
Frau Kleene sagte aber auch: "Vor 15 Jahren hätte ich einer Frau nicht guten Gewissens raten können, 110 zu wählen. Die Polizei konnte wenig tun, sondern brachte den Täter durch ihr Auftreten oft noch in Rage." Heute ist das glücklicherweise anders. Schulungen und landesweite Richtlinien tragen Früchte. Die Zahl der Anzeigen ist in NRW von 2002 bis 2011 von 14.300 auf ca. 25.000 gestiegen, die Polizei hat mehr Handlungsspielraum und kann sich besser um die Opfer kümmern.
Bekämpfung von häuslicher Gewalt ist heute ins Zentrum gesellschaftlicher Aufklärung gerückt und nicht mehr nur Thema der Frauenbewegung, wie noch in den 70er Jahren.
Durch das Gewaltschutzgesetz wurde viel erreicht - doch es ist auch noch viel zu tun, denn häusliche Gewalt ist immer noch die häufigste Gewaltform gegen Frauen.

Im Anschluss gab es eine Expertinnenrunde mit Sonja Walt und Maria Brenner, die beide in Frauenberatungsstellen des Kreises arbeiten, und der Polizeibeamtin Marion Laßka.
Frau Laßka ging noch einmal darauf ein, dass häusliche Gewalt vor dem Gewaltschutzgesetz als Familienstreitigkeit behandelt wurde und Frauen sich meistens um private Flucht-/Ausweichmöglichkeiten kümmern mussten. Heute hat die Polizei eben die Möglichkeit, Täter_innen für 10 Tage aus der gemeinsamen Wohnung zu verweisen. Zudem werden beide Parteien getrennt befragt. Die Polizei gibt - mit Einverständnis der Frau - die Grunddaten an eine Frauenberatungsstelle weiter und das Jugendamt kümmert sich um die im Haushalt lebenden Kinder.
Die Beratungsstellen melden sich innerhalb kürzester Zeit bei den Frauen, beraten telefonisch und persönlich. Hier ist es wichtig, dass schnell beraten wird, denn wenn es erstmal zu einer Versöhnung kam, sind die Opfer für Hilfe nicht mehr zugänglich und geraten evtl. in den nächsten Gewaltkreislauf.
Gängig ist, dass die Beratungsstellen mit den Opfern einen Fluchtplan erstellen, einen Ort für eine Art Notfallkoffer finden und dazu raten, mit einer vertrauten Person ein Codewort auszumachen, um in der nächsten Gewaltsituation unauffällig einen telefonischen Notruf absetzen zu können. Zudem wird die Gefährlichkeit der Situation eingestuft und über das Frauenhaus informiert.

Bei dem, was sich in Zukunft noch verändern muss, sind die Expertinnen sich einig: Es braucht bessere Finanzierung und mehr Personal in den Beratungsstellen. Zudem sollte die Frauenhausfinazierung bundesweit vereinheitlicht werden. Die Täterarbeit muss ausgeweitet werden und auch die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt muss sich verbessern.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Bleib mal locker!

"Portrait eines Mädchens in Gedanken",
Pierre-Auguste Renoir
"Heut' mach ich mir kein Abendbrot, heut' mach ich mir Gedanken."
Wolfgang Neuss

Ich war schon immer eher nachdenklich, machte mir Gedanken über das, was auf der Welt geschieht. Ich analysiere Situationen und kann oft nicht damit hinterm Berg halten, dass ich etwas ungerecht finde. Das betrifft oft Feminismus, aber eben auch generelle Fragen der Ungerechtigkeit u.ä.
"Du machst es dir aber auch selbst ein bisschen schwer!", ist ein Einwand, den ich seit meiner Jugend zu hören bekomme. Die Aussage ist aber so nicht richtig. Ich "mache" es mir nicht schwer. Das ist keine bewusste Entscheidung, viele Dinge sind nun mal da und ich kann einfach nicht darüber hinwegsehen. Nach Feierabend einfach mal einen Film gucken, ohne zu sehen, dass da z.B. alle Gangster PoC sind, das kann ich nicht. Ich bin halt so.

(Fast) alles was ich tue ist das Ergebnis von detailierten Gedankengängen - mal längeren, mal kürzeren. Spontanität und Lockerheit sind eine schöne Sache (kann ich auch - man glaubt es kaum), aber nicht alles auf diesem Planeten kann und darf man ignorieren und darüber hinweglächeln.
Mein Ziel ist es nicht, dass wir alle depressiv werden, weil wir den ganzen Tag an den Problemen der Menschheit verzweifeln. Ich würde mir nur wünschen, dass wir nicht immer alle nur vor der eigenen Haustür kehren, sondern auch mal andere beachten. Dazu gehört auch, dass ich z.B. nicht selbst Leidtragende von einer Struktur sein muss, um sie scheiße zu finden und ändern zu wollen (Beispiel Rassismus oder - haha! - Kinderrechte). Ich muss weder Mann noch homosexuell sein, um "schwul" als Schimpfwort oder Witz absolut nicht akzeptabel zu finden.
Ich persönlich kriege schon mal auf's Butterbrot geschmiert, dass mich das doch gerade gar nicht selbst betrifft, warum ich mich denn darum kümmern würde.

Manchmal stelle ich es mir sehr entspannt vor, durch's Leben zu gehen und nur mich selbst und meine Probleme zu sehen. Ich hätte keine Schwierigkeiten mehr damit, einfach abzuschalten und mich fallen zu lassen. Ich würde weniger Zeit damit verlieren, mir Gedanken um die Sorgen meiner Mitmenschen zu machen. Es würde mich nicht kümmern, dass irgendwo auf der Welt - oder schon vor meiner Haustüre - Menschen ungerecht behandelt werden.
Dann wäre ich nicht Vegetarierin geworden. Oder Feministin. Oder bei den Piraten gelandet.

Auf "Musst du da jetzt wieder so ein Fass aufmachen?" kann ich nur sagen: Niemand muss so "extrem" sein, wie ich es oft bin, aber hin und wieder die eigene Weltsicht hinterfragen und an dem zweifeln, was man sieht oder tut, finde ich total wichtig. Es kann doch nicht zu viel verlangt sein, sich nicht immer nur um sich selbst zu drehen.

tl;dr
Ein Plädoyer für etwas weniger Egoismus und dafür mehr Solidarität und Nachdenken. Zumindest hin und wieder. Bitte.

Nachtrag
Ich glaube, irgendjemand hatte vor gar nicht langer Zeit zum gleichen Thema schon was gebloggt. Ich weiß aber nicht mehr wer und wo und kann das deshalb nicht mehr nachlesen. Überlege nun, ob mein Post überhaupt sinnvoll ist und nicht alles an prominenter Stelle schon mal geschrieben wurde.
Hmm. Vielleicht mache ich mir doch manchmal zu viele Gedanken ;-)

Montag, 24. September 2012

Gedanken zu #MMwird5

Ich kam gestern Abend zurück von meinem mehr oder weniger spontanen Guerilla- Ausflug nach Berlin zum Geburtstag der Mädchenmannschaft. Eigentlich wollte ich hier berichten von wahnsinnig netten Begegnungen und Treffen mit Internet-Menschen. Leider wird das Positive des Wochenendes ein bisschen überschattet vom Rassismus-Fail während der letzten Podiumsdiskussion.

Die Distel hat schon dazu gebloggt und ein paar andere Leute auch. Ich kann der ganzen Geschichte wenig hinzufügen, weil ich leider auch erst spät hinzukam. Nicole, Dani und ich waren zuerst beim Workshop über häusliche Gewalt und verpassten so den Anfang der Diskussion. Die Stimmung auf dem Podium war extrem angespannt und es war schon im Vorhinein klar, dass alles andere als Frieden herrschen würde.
Ich will zu den rassistischen Äußerungen gar nichts sagen - die waren rassistisch und damit Punkt. Da braucht man nichts diskutieren, das ging sowas von gar nicht!
Was vorgefallen ist, könnt ihr z.B. bei Distel nachlesen, andere Blogeinträge werden sicher in den nächsten Tagen hinzukommen.

Ich will hier eher noch was zur Orga und dem Drumherum des Tages allgemein und vor allem auch während der Diskussion schreiben.
Ein großer Kritikpunkt ist für mich ganz eindeutig die Moderation des Tages. Das began gleich damit, dass die offizielle Begrüßung stattfand, nachdem schon die ersten Workshops besucht werden konnten. Man war also ins kalte Wasser geschmissen.
Die Begrüßung an sich war dann etwas nichtssagend. Grußworte wurden vorgetragen und die Toiletten wurden erklärt. Es gab keine Infos zum Programm (jaja, kann man alles nachlesen, aber drei Sätze wären doch drin gewesen...) und vor allem fehlten mir ein paar Verhaltensregeln. Ist ja gut, dass auf dem Programm steht, wir sollen alle nett zueinander sein und "Krawall machen", wenn es zu Diskriminierung kommt. Das darf man aber gerne bei der Begrüßung nochmal laut sagen! Ich hätte mir da auch konkretere Angaben gewünscht, um deutlich zu machen, welches Klima auf der Veranstaltung erwünscht ist. (Mal davon abgesehen, dass vielleicht ein Awarnessteam eine tolle Idee gewesen wäre.)

Die Podiumsdiskussion, die dann so aus dem Ruder lief, war auffallend schlecht moderiert. Ich kam wie gesagt später hinzu und verstand erst gar nicht, dass es überhaupt eine Moderation gab. Alle Teilnehmerinnen* saßen vorne nebeneinander und keine verhielt sich als neutrale bzw. gesprächsleitende Moderatorin*. Die ganze Diskussion verlief strukturlos. Grade da durch die Auswahl der Gäste vorher bekannt war, dass es zu Konflikten kommen würde, war das ein Ding der Unmöglichkeit.
Btw. - warum wird eine der Slutwalk-Veranstalterinnen eingeladen, wenn die MM bisher eh meistens (zu recht!) negativ über die SW berichtet hat?
Dazu kamen zwei konträre Gesprächsteilnehmerinnen und eine Moderatorin, die kein bisschen neutral war und das Gespräch einfach laufen lies. Für mich entstand ganz schnell der Eindruck, dass die MM eine hitzige/emotionale Diskussion in Kauf genommen hat. Bei den ersten rassistischen Äußerungen zeigte die Moderatorin* keine Reaktion, sie griff nicht ein. Erst die für die Technik zuständige Kollegin* griff ein und brach dann die Diskussion ab. Für mich auch nicht der richtige Weg, aber zumindest eine Reaktion. Die Rassistinnen* des Raumes zu verweisen und so die Rechte als Gastgeberinnen* auszunutzen, hätte ich richtiger gefunden.
Wenn man sich nicht in der Lage sieht, ein Podiumsgespräch so zu leiten, dass niemand beleidigt wird bzw. einzugreifen, wenn es so weit kommt, dann muss man den Posten an eine andere abtreten. Sich darauf zu verlassen, dass eine Kollegin* was sagt, die Menschen auf dem Podium moderierend eingreifen oder das Publikum aufsteht und was sagt, geht gar nicht.
Im Nachhinein dann erst von Leser_innen darauf hingewiesen werden zu müssen, dass der Feedbackaufruf zur Veranstaltung bitte einen eigenen Blogpost verdient - da hat wohl jemand immer noch nichts gelernt.

Was bleibt, ist ein gefühl der Ohnmacht. Wie soll ich mich nun verhalten, was hätte ich besser machen können?
Es ist gruselig zu sehen, dass in Kreisen, die sich gegen Sexismus einsetzen, Rassismus stellenweise so wenig mitgedacht und beachtet wird. Meine Meinung ist, dass man sich kaum für das eine einsetzen und das andere missachten kann - das darf nicht sein.
(Und dann für mich persönlich immer noch die Frage: Wo stehe ich als Halb-Südländerin und damit laut Definition Frau mit Migrationshintergrund in dieser Debatte?)

Ansonsten:
In der Woche vor der Party unterhielt ich mich via Twitter mit Dani (die ja eine derjenigen war, mit denen ich nach Berlin fuhr), Franziska und Grrrlsmith und ich schlug vor, dass wir doch unsere Twitter-Avatare als Buttons tragen könnten. Eine Maschine dafür sei ja vor Ort. Ich fand es wahnsinnig schade, dass dann bei der Party nur die Veranstalterinnen Namensschilder trugen und nur drei von uns sich Buttons machten. Andere selbstgebastelte Namensschilder sah ich noch seltener.
Warum ich das hier erwähne: Die MM ist ein Onlineprojekt und viele von uns kennen sich eben tatsächlich nur online. Ich kenne das von ähnlichen Events, dass Namensschilder zum Basteln/Ausfüllen (und seien es eine Rolle Klebeband und ein Edding) bereitgestellt werden. Von vielen kenne ich das Gesicht nicht, aber eben den Nick oder grade noch so den Vornamen. Man spricht ja nicht gleich jede_n auf Verdacht an und Schilder würden da einiges erleichtern.
Was ich sagen will: Es ist nicht schlimm, dass ich die Idee für die Buttons selbst haben musste. Ich finde es aber blöd, dass an die Möglichkeit eines Namensschildes in irgendeiner Form nicht gedacht wurde. Die Stimmung ist anders, wenn man weiß, mit wem man es so zu tun hat.
Die Franziska hat in ihrem Workshop übrigens nicht nur eine Vorstellungsrunde gemacht, sondern auch gleich gefragt, wer mit welchem Pronomen angesprochen werden möchte. Großes Lob!

Weiterhin fand ich es sehr schade, dass kaum Raum für private kleine Treffen eingeplant war. Ich denke, auch den Organisatorinnen* war bewusst, dass viele das Event nutzen würden, um Internetbekanntschaften im RL treffen zu wollen und auch mal in kleinen Grüppchen nette Gespräche zu führen.
Im Flur vor den Räumlichkeiten waren Infotische aufgebaut, dort war es zu eng. Im Erdgeschoss wurde Essen ausgegeben und es gab Livemusik. Dort war es dementsprechend laut, alle wollten zuhören - nicht perfekt für einen Erstkontakt mit Leuten, die ich sonst nur aus dem Netz kenne.
Als Beispiel kann ich da mein Treffen mit Paula nennen. Sie erkannte mich auf dem Klo zufällig an meinem Button und wir trafen uns dann auf ein kurzes Gespräch im Flur. Platz zum Sitzen gab es nur auf einem Tisch, der gerade abgeräumt worden war. Sonst hätten wir blöd rumstehen müssen.

Dass der Ruheraum nur für Orgaleute und Künstlerinnen* reserviert war, war auch sehr schade. Klar lag das auch am beengten Raum des Veranstaltungsorts, aber diesen sollte man ja auch danach aussuchen. Ich jedenfalls fühle mich von vielen Menschen leicht gestresst und hätte mir gewünscht, auch eine Ecke zu haben, in der man sich etwas zurückziehen kann.
Verbesserungswürdig war auf jeden Fall auch die Aufteilung der Slots. Die Lesungen, Musikerinnen*auftritte, Workshops und Diskussionen liefen nicht einfach parallel (was ja üblich ist), sondern überschnitten sich.


Trotzdem war natürlich nicht alles schlecht. Der Zine-Workshop von Franziska war toll und ich mochte den Vortrag zur häuslichen Gewalt. Auch die Podiumsdiskussion, was sich denn in fünf Jahren bei der MM verändert hat, war interessant.
Besonders schön waren aber die Begegnungen mit netten Menschen - danke da an die Beteiligten!

EDIT: Die Dani hat auch gebloggt und ihre Gedanken sind ein bisschen strukturierter als meine.

Dienstag, 3. Juli 2012

Zugerlebnisse I

Ich verspreche, dass ich demnächst auch nochmal positive Sachen poste (sowas wie die Alltagsfreuden vielleicht), aber heute ist wieder ein Ätz-Thema dran.
Schon bei den Belästigungen ist mir ja aufgefallen, dass die sich in der letzten Zeit um mich rum häufen und auch nach den Blogposts dazu gab es weitere Erlebnisse. Komischerweise geht mir das derzeit auch mit Rassismus so. Bin ich nur aufmerksamer geworden oder einfach von zu viel idiotischem Pack umgeben?

Vor ein paar Wochen saß ich im Zug nach hause. Im Vierersitz schräg gegenüber saß ein älterer Herr, der mich nervte, weil ich trotz Kopfhörer seine Volksmusik mithören musste. Am nächsten Halt stieg ein junger Mann ein. Der ältere Herr musterte den neu Hinzugestiegenen von oben bis unten und rümpfte missbilligend die Nase. Wegen der dunklen Hautfarbe, nehme ich an, denn anders kann ich es mir nicht erklären.
Der Zugestiegene guckte nur belustigt: "Meinst du, du hast den Zug für dich alleine?" und setzte sich trotzdem dem anderen gegenüber. Der ältere Herr schnellte grummelnd in die Höhe und setze sich protestierend woanders hin.
Ich guckte entsetzt, schimpfte laut irgendwas und wechselte einen Blick mit dem Zugestiegenen. Er nahm die Sache zum Glück mit Humor, grinste breit und setzte sich. Wir sagten noch kurz was von "Idiot" oder so. Ich war froh, dass es lachte, denn mir blieb es im Hals stecken.
Kein Fahrgast sonst reagierte auch nur.

Letzte Woche dann hörte ich, wie im Abteil unter mir ein Schwarzfahrer erwischt wurde. Der Kontrolleur wurde laut und die zwei diskutierten. Ich hab nicht alles mitbekommen, weil ich Kopfhörer trug, zuckte aber bei "Wir sind doch hier nicht bei den Zigeunern!" zusammen. Was hatte der grade gesagt? Weil der Mensch also schwarz fuhr und mit ausländischem Akzent sprach, musste er sich nicht nur duzen, sondern auch noch beschimpfen lassen?!
Ich sagte laut in den Raum hinein: "Das kann doch jetzt nicht wahr sein!"
Nachher habe ich mich gefragt, wie ich bei sowas reagieren soll. Wäre das gleich neben mir passiert, hätte ich den Kontrolleur auf jeden Fall angesprochen. Runter zu gehen, das hab ich mich nicht getraut. Eigentlich dumm...

Heute hatte ich es dann mit Homophobie zu tun. Ein Thema, mit dem ich es immer wieder zu tun habe. Viel zu oft begegnen mir Menschen, die "schwul" und "Schwuchtel" als alltägliche Schimpfworte benutzen und sich wundern, wenn ich das anprangere. Mich kotzt es so an, dass die meisten Leute nicht für 2 Cent nachdenken über das, was sie sagen! Ich werde nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, die sehr Sprache Wirklichkeit formt. In all dem Gerede tragen sich Rassismen und Sexismen (und alles andere) weiter fort. Sie bleiben in unserer Gesellschaft normal, weil üblicher Sprachgebrauch.

Als ich dann heute aus dem Zug aussteigen wollte, musste ich neben einem Vierersitz warten, in dem frei junge Männer saßen und sich über Menschen im Zug unterhielten. Schon das dumme Gelaber über die Leute, die zum Reggeafestival fahren nervte mich. Doch als dann der Satz "Da saßen nur Drogenabhängige und Schwule im Zug, keine normalen Menschen!" fiel, dachte ich, mich trifft der Schlag.
- "Hast du das grade wirklich gesagt?"
- "Hä, was?"
- "'Schwule, aber keine normalen Menschen'?? Denk doch mal nach!"
- "Hab ich das gesagt...? Nee..." (immer leiser werdendes unverständliches Gegrummel)
- "Das kann doch nicht wahr sein! Über den Satz solltest du echt mal nachdenken!"

Tja, was Schlaueres fiel mir echt nicht ein... Ich hätte viel viel deutlicher werden müssen.
Ich war sehr froh, dass ich überhaupt was gesagt habe - wieder mal im Gegensatz zu all den Menschen um uns rum. Trotzdem konnte ich wohl nicht zu mehr als dummem Lachen anregen. Ob die da wirklich nachdenken, was sie sagen?

Ich jedenfalls denke nach. Über gute Sprüche, die man so dummen Menschen dann reindrücken kann. Und darüber, wie ich mutiger werde, schneller und deutlicher und vor allem immer was zu sagen, wenn andere es mal wieder nicht tun.

Dienstag, 29. Mai 2012

Flirten ≠ Belästigung

Gerade erst habe ich ja zum Street Harassment gebloggt und möchte da noch was weiter einsteigen. Auf Twitter und auch hier in den Kommentaren kam die Frage auf, wie man denn flirten solle, ohne dass das als Belästigung eingestuft wird.
Das geht tatsächlich und es gibt dazu bereits einen sehr guten Beitrag zu lesen - wieder von High on Clichés.

Ich möchte nochmal genauer auf den zweiten Fall eingehen, den ich im letzten Post beschrieb:
- mir wurde quer über die Straße nachgerufen
- er stellte sich nicht vor, sondern quetschte nur mich aus
- er setzte sich ungefragt neben mich
- er ging erst nach mehrmaliger Aufforderung
- ich musste unfreundlich und deutlich und lauter werden
- er versuchte es auf mehreren Fremdsprachen, obwohl ich bereits "nein" gesagt habe
- er lungerte anscheinend grundlos weiter an verschiedenen Bahnsteigen rum - der war da, um Leute zu nerven
Ehrlich gesagt sehe ich da wenig Diskussionsspielraum - das ist für mich nicht flirten. Schon das Rufen über die Straße... Der hat mich ja nicht mal genau gesehen, welchen Grund soll er gehabt haben, mich gut gefunden zu haben? Alles danach geschah, obwohl ich wirklich deutlich gezeigt habe, dass ich nicht will. Selbst ein ungeschickter Flirter zieht dann Leine und überschreitet nicht weiter Grenzen. Ansonsten sei euch da noch der Begriff Definitionsmacht genannt - wenn ich mich belästigt fühle, ist es Belästigung.

Ich kann da auch nur wieder ein Beispiel aus meinem eigenen Erleben anführen - ein positives diesmal.
Vor einigen Wochen war ich mit ein paar Freundinnen und Freunden tanzen. Ich wurde von einem Mann angesprochen und denke: So oder so ähnlich kann es gehen!
Er kam zu mir rüber, aber wir waren in einem Raum voller Menschen und ich war umringt von 6(!) Personen, die eindeutig zu mir gehörten. Er schaute mich kurz an, bevor er zu mir kam. Ich wurde nicht von meinen Begleiter_innen isoliert und hatte jederzeit die Möglichkeit, einfach zu gehen. Er kam mir nicht näher nötig, um sich zu unterhalten.
Zudem waren wir in einem Club und nicht auf der Straße. Ich finde, jemanden auf der Straße anzusprechen, ohne vorher Blickkontakt zu haben und zu sehen, ob die andere Person reagiert, total daneben. So generell jetzt. Aber das heißt im Umkehrschluss eben auch nicht, dass ich abends weggehe, um irgendwen kennen zu lernen und angesprochen zu werden. Für mich war es an dem Tag, in der Stimmung und von dieser Person aber eben in Ordnung.
Er war sehr freundlich und sprach mich auf die Musik an. Um sich dann gleich danach vorzustellen - Höflichkeit gehört also dazu. Ich hab ihm geantwortet, meinen Namen gesagt und ihm auch die Hand gegeben. Das war ein gutes Zeichen, dass ich ihn nicht zum Teufel jage, denke ich.
Ich war ein bissche unsicher und vor allem auf dem Sprung nach hause. Er reagierte total cool und nett, drängte sich nicht auf, verabschiedete sich dann auch wieder freundlich.
Alles total okay, super nett (und ich fands total mutig).

Einmal hat mich wer in der Uni angesprochen. Ich ging durch den Flur, er ging neben mir und fragte aus heiterem Himmel, ob ich mit ihm Kaffee trinken will. Das fand ich nur so mittel-okay. Ich hab ihn vorher gar nicht gesehen, war in Gedanken, es war früh morgens und ich ein bisschen überrumpelt. Ich hab verneint und er musste sich wohl noch mal versichern, ob ich mir sicher bin: "Hast du einen Freund?" Ja, hatte ich zu dem Zeitpunkt, aber selbst ohne Freund hätte ich einfach nicht gewollt. Eigentlich sollte ich mein "nein" nicht begründen müssen.
Ich glaube aber, das war tatsächlich nur ein ungeübter Flirter (das kann ich ihm nachsehen, ich kann ja sowas auch nicht). Für solche Leute gibt es dann High on Clichés' Blogeintrag. Kann man sich mal durchlesen, kann man was bei lernen - auch als Frau ;-)
Flirten ist total okay, ich mag flirten - aber es gibt eben Sachen, die sind einfach nicht mehr okay. Ich finde auch, wenn man unsicher ist, kann man einfach mal fragen: "Nerve ich dich eigentlich, soll ich lieber gehen?" Ein bisschen Einfühlungsvermögen sollte man schon haben, denn wenn man es ernst meint, ist es ja eher ungünstig, wenn man die andere Person unter Druck setzt.
Und spätestens bei "nein!" ist nun mal Schluss.

Montag, 28. Mai 2012

Meine Erfahrungen mit Street Harassment

In der letzten Woche schrieb Helga schon in der Mädchenmannschaft was zum Street Harassment, Distel podcastete dazu und da ich diese Woche gleich zweimal Opfer wurde, wollte ich auch mal wieder was bloggen.
Street Harassment meint, dass Menschen auf der Straße von anderen Fremden belästigt werden. Dazu gehört (kurz gesagt) jede unangenehme und respektlose "Anmache", aber eben auch direkte sexuelle Belästigung. Die Seite stopstreetharassment.org dröselt den Begriff in folgende Beispiele auf: anzügliche Blicke, pfeifen, hupen, Kussgeräusche, nicht explizit als sexuell gewertete Kommentare, aber eben auch sexuell aufgeladene Kommentare, vulgäre Gesten, Stalking, öffentliche Selbstbefriedigung, sexuelle Berührungen, Körperverletzung und Mord.
Street Harassment kann Männer und Frauen treffen, aber Frauen begegnen diesem "Phänomen" wohl deutlich öfter, ich glaube, fast jede Frau kennt eine der oben beschriebenen Situationen. 
EDIT: Noch mehr dazu in diesem Blogeintrag von High on Clichés.

Mir sind diese Woche gleich zweimal unangenehme Situationen passiert. Einmal fuhr ich auf dem Fahrrad durch die Stadt und hört von zwei Jugendlichen dumme Kommentare über meine Oberweite, die ich hier nicht wiederholen möchte. Ich fuhr weiter und musste dann an einer Ampel halten. Die Jungs gingen wieder an mir vorbei und riefen "Warte mal, warte mal!" und der eine kam auf mich zu. Zum Glück konnte ich dann weiter fahren und musste mich nicht weiter mit denen abgeben. Es war mitten am Tag, die Straße war voller Leute und ich denke nicht, dass mir viel hätte passieren können - trotzdem wollte ich keine Konfrontation.

Heute dann fuhr ich mittags wieder mit dem Rad zum Bahnhof. Von der anderen Straßenseite rief mir ein junger Mann "Hallo!" nach. Ich ignorierte ihn, aber wurde aufmerksam. Ich schloß mein Rad an und musste dann an der Bushaltestelle warten. Mir war total klar, dass der jetzt zu mir rüber kommt, ich tippte quasi schon vorsorglich eine Nachricht auf Twitter...
Es kam wie es kommen musste. Der Typ kam rüber zu mir, setze sich - ließ aber zum Glück einen Platz zwischen uns frei. "Hallo, wie heißt du, wie geht es dir?", und ähnliches Blabla. 
Ich denke derzeit sehr viel an das, was ich im Selbstverteidigungskurs gelernt habe und bin wahnsinnig froh, dass ich den besucht habe. Ich hab viel über Opfer- und Täter-Haltung gelernt. Ich atmete also durch, sah dem Belästiger mit meinem "Blutbadblick" an (ein Freund von mir nennt das so, wenn ich ablehnend und böse gucke, er weiß warum ;-) ) und sagte einfach nur: "Ich will mich nicht unterhalten, lass mich in Ruhe, hau ab!" Er versuchte es dann noch mit "Sprichst du französisch, sprichst du englisch?", ich verneinte noch einmal und ignorierte ihn dann. Ich hatte Kopfhörer im Ohr, aber keine Musik an, damit ich weiterhin alles hören konnte. Er trollte sich dann recht bald, murmelte noch ein "Sorry" und war weg. Er hing weiter am Busbahnhof rum, aber hielt zwei Bahnsteige Abstand.
Die großartige Franziska reagierte via Twitter sehr schnell und schrieb mich an - danke dafür auch hier nochmal! Wenn ich Trost gebraucht hätte, hätte ich den gleich bekommen könnte. Ich hatte aber eigentlich nicht wirklich Angst gehabt, ich wurde ihn ja schnell los.

Es ist schon verrückt, dass mir das jetzt zweimal so kurz hintereinander passierte und ich habe deshab heute nochmal darüber nachgedacht, wie oft das bei mir schon vorkam. Mir wurde mal im Zug an den Hintern gefasst, Betrunkene haben mich beim Ausgehen belästigt. Und da war dieser ganz spezielle Biolehrer, der jede Chance nutze, öffentlich laut zu loben, was er alles an mir schön findet. Und ans Knie gefasst hat er mir auch.
Ich war bisher meistens immer völlig verdattert und habe selten reagiert. Ich bin weggegangen oder habe einfach nichts gesagt. Einige Male wurde mir tatsächlich erst später klar, was da passiert ist. Gegen meinen Lehrer traute ich mich nie was zu sagen. Zurück blieb aber dieses Gefühl, dass da jemand einfach so in meinen Bereich eingedrungen ist, mir zu nahe kam. Ich hatte selten in der Situation selbst Angst, aber man fühlt sich trotzdem einfach scheiße.

"Da solltest du aber nicht alleine entlangfahren!"
"Um diese Uhrzeit ist das viel zu gefährlich!"
"Kein Wunder bei diesem Outfit!"
Das sind so Sätze, die ich seit meiner Kindheit kenne und hasse. Warum sind gewisse Bereiche, gewisse Uhrzeiten und gewisse Klamotten für mich tabu? Im Zusammenhang mit Belästigung höre ich das total oft. Da wird einfach den Opfern die Schuld in die Schuhe geschoben. Man hätte ja einen anderen Weg nehmen oder sich was überziehen können. WTF?? Ich soll mich also einschränken lassen, statt dass mal was dafür getan wird, dass sowas nicht mehr passiert? Ich habe das Gefühl, dass es als vollkommen normal angesehen wird, wenn man so auf der Straße belästigt wird.
Meine Mutter hat mir als Kind schon oft gesagt, dass ich hier und dort aufpassen muss und was es bedeutet, sexuell belästigt zu werden. Sie wollte, dass ich weiß, was mir passiert, wenn mir was passiert und dass ich sowas dann auch meinen Eltern sage. Sie wollte, dass mir nichts passiert, dass ich mich richtig verhalte. An einem gewissen Punkte dachte ich als Kind, es ist völlig normal, dass man irgendwann mal belästigt wird. Ich habe förmlich gewartet, dass ich mal in so eine Situation komme, denn schließlich passiert das ja anscheinend überall und allen - dachte ich als Kind. Im Rückblick finde ich das furchtbar gruselig.

Ich bin generell ein sehr vorsichtiger Mensch. Ich bewege mich vorausschauend und aufmerksam, gehe Gefahr grundsätzlich aus dem Weg. Nicht leichtsinnig zu sein, ist ja an sich gut. Trotzdem habe ich das Gefühl, in meiner Freiheit beschnitten zu sein. Seit dem Selbstverteidigungskurs wirke ich wohl weniger als Opfer, aber aufmerksam bleibe ich. 

Das kann aber alles nicht die Lösung sein! Nicht ICH muss was an mir oder meinem Verhalten ändern, sondern die Belästigungen müssen aufhören!

(Dämliche Kommentare im Sinne von "Stell dich nicht an!" "Sieh es doch als Kompliment!" und "Du übertreibst mal wieder!" werde ich löschen. Nur dass ihr das wisst.)