Dienstag, 4. Dezember 2012

Offener Brief an den stellvertretenden Bürgermeister von Düren, Rainer Guthausen

Ich habe vor einigen Tagen über eine Veranstaltung zum Gewaltschutzgesetz geschrieben, die ich besucht habe. Dort hielt auch der stellvertretender Bürgermeister ein Grußwort, auf das ich nun per offenem Brief reagiert habe - meine Email an ihn erscheint also gleichzeitig auch hier.

EDIT: Es gab übrigens zwei Antwortmails, ich darf sie aber ausdrücklich nicht veröffentlichen.


Sehr geehrter Herr Guthausen,

Ich war letzte Woche auf der Informationsveranstaltung zu 10 Jahren Gewaltschutzgesetz im Bürgerbüro. Sie trugen dort gleich zu Anfang ein Grußwort vor, welches ich zum Anlass nehme, Ihnen diese Mail zu schicken und sie gleichzeitig auf meinem Blog zu veröffentlichen.

Sie erfuhren nach eigenen Worten erst mittags, dass Sie das Grußwort halten sollten - eigentlich war Bürgermeister Paul Larue eingeladen. Leider merkte man deutlich, dass Sie sich schlecht vorbereitet hatten und es am nötigem Feingefühl für das Thema mangeln ließen. Das mag eine Begründung sein, aber keine Entschuldigung.

Thema der Veranstaltung war das Gewaltschutzgesetz, dass es seit 10 Jahren ermöglicht, misshandelte Personen besser zu schützen. Da geht es konkret um Fälle von Gewalt, Vergewaltigung und auch Mord.
Sie starteten gleich damit, dass Sie bei diesem Thema nicht mit einem solchen "Ansturm" gerechnet hätten. Wie Sie zu dieser Annahme kamen, sagten Sie nicht. Ich kann nur vermuten, dass Sie die Veranstaltung als nicht besonders wichtig einstuften. Die auf Ihren folgenden Vorträge sollten deutlich gemacht haben, wie wichtig das Gewaltschutzgesetz ist und welch Kraftakt es war, dieses durchzusetzen.
Schon dieser Eingangssatz wirkte auf mich als Zuhörerin irritierend.

Sie sagten, Sie sehen das Gesetz "nahe bei den Menschenrechten" und relativierten dadurch seine Wichtigkeit. Zum Glück sagte Frau Kleene es in ihrer Rede später viel deutlicher: Schutz vor häuslicher Gewalt IST ein Menschenrecht.
Zudem deuteten Sie an, dass Männer ja von Natur aus gewalttätiger seien als Mädchen. Diese Aussage ist in so vielen Punkten falsch und furchtbar. Sie verharmlosten das Thema häusliche Gewalt, indem Sie den männlichen Tätern Rückendeckung durch die angeblich von Natur aus gegebene größere Aggression verschafften. Die These von den natürlichen Geschlechtsunterschieden ist viel zitiert, wird aber dadurch nicht richtiger und ist in diesem Zusammenhang mehr als unangebracht.
Dann dieses Gegensatzpaar Männer - Mädchen. Entweder stellt man Kinder oder Erwachsene gegenüber, aber man stellt kein so von Machtgefälle strotzendes Beispiel in den Mittelpunkt. Wir sprechen hier von Gewalt zwischen gleichberechtigten Partner_innen! Hauptarbeitsfeld der anwesenden Expertinnen ist es, geschlagene und verprügelte Frauen vor Ihren Partnern zu schützen. Es handelt sich hierbei nicht um kleine Mädchen, sondern um erwachsene Frauen.

Sie lobten das Gewaltschutzgesetz auch, weil der 10-tägige Verweis aus der Wohnung - den die Polizei gegen Täter_innen aussprechen darf - evtl. dafür sorgen würde, dass die "Familie länger bestehen bleibt". Sie stellen hier in den Mittelpunkt, dass es wichtig wäre, dass die Familie sich wieder zusammenrauft, nachdem Partner_innen bedroht, geschlagen und sexuell missbraucht wurden. Es geht darum, die Opfer und ggf. ihre Kinder vor weiterem Täter_innenzugriff zu schützen. Familien, die sich "wieder zusammenraufen", geraten oft in die nächste Gewaltspirale - Trennung kann in diesem Fall Schutz bedeuten. Hier klingt es für mich als Zuhörerin so, als wäre es für Sie persönlich wichtiger, nach außen hin intakte Familien zu haben als Paare, die getrennt leben, aber dafür keine Gefahr mehr füreinander sind. Ich wiederhole mich: Das Gewaltschutzgesetz soll Opfer schützen und nicht Familien kitten.
Die Krönung war für mich, als Sie sagten, dass der Täter "sich gehen gelassen hat". Nochmal: Wir sprechen von Prügeln, Vergewaltigungen, Mord und Zwangsheirat - das hat nichts mit Ausrutschern zu tun und ist ganz klar das Vokabular, mit dem Täter_innen entschuldigt und relativiert werden sollen.

Meiner Meinung nach zeigt Ihre Rede auf, warum wir das Gewaltschutzgesetz so dringend brauchen (und warum es das erst seit 10 Jahren gibt). Es gibt immer noch Leute, die häusliche Gewalt nicht als ernstzunehmendes Problem erkennen und herunterspielen bzw. nicht klar Stellung beziehen. Das erschreckt mich.
Ihre Rede hat mich persönlich sehr irritiert und verletzt. Ich setze nicht voraus, dass Sie Experte auf diesem Gebiet sind, aber ich setze voraus, dass Sie in Ihrer Position etwas mehr Feingefühl aufweisen können. Ich wünsche mir, dass Sie es in Zukunft schaffen, sich zumindest minimal mit einer Veranstaltung auseinander zu setzen, bevor Sie auf dieser sprechen. Gerade bei einem solchen Thema muss Ihnen bewusst sein, dass im Publikum Menschen sitzen, die sich verletzt fühlen könnten.

Mit freundlichen Grüßen.

Kommentare:

  1. Sehr gut geschrieben. Wir sollten viel öfter so reagieren, wenn Leute derartigen Quark öffentlich von sich geben.

    Vielen Dank!

    Henriette

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  2. Danke für diesen offenen Brief. Irgendwann werden diese selbstherrlichen Volksvertreter vielleicht begreifen, dass Missstände sich nicht von alleine erledigen. Gewalt fängt im Kopf an. Und es gehört sich einfach nicht, so etwas zu verharmlosen.
    Jürgen

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  3. Finde ich gut, dass Du ihm das geschrieben hast - leider muss man die Menschen schütteln und mit dem Holzhammer auf die Problematik hinweisen. Leider auch heute noch bei diesem Thema

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  4. Ich war nicht auf der Veranstaltung und kann daher nicht beurteilen, wie die Aussagen des Herrn Guthausen auf mich gewirkt haben könnten. Aber ich finde es gut, dass du so einen offenen Brief geschrieben hast! Ich finde es richtig, dass Politikern klargemacht wird, dass sie gerade bei solchen Veranstaltungen teilweise sogar vor Betroffenen sprechen, die sich einen starken Rückhalt durch ihre gewählten Vertreter erhoffen. Sie wollen keine Floskeln und erst recht kein Herunterspielen von furchtbaren Tatsachen.

    Trotzdem hätten mich die Antworten interessiert. Ich finde es sehr schade, dass du sie nicht veröffentlichen darfst, aber vielleicht kannst du den Inhalt ja in ein, zwei kurzen Sätzen wiedergeben?

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  5. und leider heißt es bei solchen besch*** vorfällen wie immer: speak up! sonst ändert sich bei diesen hohlköpfen nie was...

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  6. Danke für diesen wirklich sehr gut geschrieben und präzisen brief. Ich bin froh, dass es Menschen wie dich gibt, die etwas dagegen sagen!
    Der Bürgermeister sollte wohl schnellstens sein Amt überdenken. Dass sich so etwas Bürgermeister nennen darf und auch noch vom Staat bezahlt wird, ist einfach ekelerrregend.

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