Freitag, 15. Februar 2013

One Billion Rising - nichts für Feminist_innen?

One Billion Rising spaltete schon vor Beginn der Aktion die Gemüter. Auf der einen Seite gab es viel Begeisterung, auf der anderen auch viel (feministische) Kritik. Es fällt mir schwer, da ein finales Urteil zu fällen. Ich sehe sowohl Chancen als auch Probleme bei der Aktion. Dummerweise war ich auf einem der Events, dessen Moderation und Planung es mir nicht leicht macht, meinen Standpunkt, dass One Billion Rising eigentlich eine gute Aktion sein könnte, vor anderen zu vertreten und beizubehalten.

Die allgemeinen Probleme, die ich wichtig finde, hier gleich zu Anfang:
Das Werbevideo zur Aktion - es ist sehr gewaltvoll, aber eben vor allem rassistisch geprägt. Die meiste Gewalt geht von Men* of Colour aus. Zudem gab es einen deutlichen Unterschied in der Darstellung der Frauen*. Die weißen Frauen* saßen gut gekleidet im Büro, Muslima wurden in "Wüstengegenden" verortet. Was dem Video völlig fehlt, sind Transpersonen. Gedreht wurde der Film also ganz klar aus einer cis-weißen Position mit einem westlichen Blick auf "die da drüben".
Dazu gibt es auch einen langen Text von gladt.de.
Die Aktion bildet wenig Faktenwissen ab, sondern geht viel über Emotion (Bildgewalt usw.). Gewalt an Frauen* muss in die Öffentlichkeit, ich finde aber, man sollte die Aufmerksamkeit nutzen, gleich mal ein paar Zahlen und Fakten ins öffentliche Bewusstsein zu spülen.
Damit einhergeht, dass ich es wichtig finde, die Aktionen nicht zu Tanzevents verkommen zu lassen, die einzig auf Spaß und Party ausgelegt sind. Der Tanz sollte als Flashmob Teil der Aktion sein, aber eben nicht alleine einhergehen. Mehr zu meinem zwiegespalteten Verhältnis des Tanzelements schreibe ich weiter unten.

Auf Ewig Unzufrieden sind ebenfalls verschiedene Kritikpunkte aufgelistet. Ich wusste gar nicht, dass es u.a. "V-Day" heißt, weil das V hier für "Vagina" steht. Dass es sich hierbei um cis-Sexismus handelt, leuchtet mir total ein. Ich habe bisher immer nur die Parallele zum Valentinstag gesehen und fand die gerade gut. Tanzen als Empowerment für sich selbst, ganz ohne dieses paarnormative Ding des Valentinstages. Ich habe da eine ironische Umkehrung gesehen, die mir gefallen hat. Aber ja, man könnte die Aktion auch einfach auf einen der bereits bestehenden Frauen*- oder Antigewalttage legen. Der Blogeintrag fasst diverse Kritikpunkte auf, die mir gar nicht bekannt waren und die viele andere auch nicht thematisiert haben. Sehr viel Zustimmung meinerseits.

Nun zur Sache mit dem Tanzen. Shehadistan hat sich mit diesem Aspekt besonders ausführlich auseinander gesetzt. Ich habe ihren Beitrag irgendwann letzte Woche gelesen und er brachte micht sehr zum Nachdenken.
Ich persönlich sehe das Problem weniger beim Tanzen an sich, als bei der Choreografie. Man muss sowas auswendig lernen und braucht Zeit dafür. Das kann und will nicht jede tun - ich zum Beispiel. Andere haben nicht die nötige körperliche Gesundheit oder Fitness. Sei es, weil eine blind ist und das Lernvideo nicht anschauen kann oder sich spontan was gebrochen hat.
Das Blöde ist aber, dass es kaum eine Demonstrationsform gibt, die immer für alle barrierefrei ist. Auch ein Infostand oder eine Demo kann aus verschiedenen Gründen nicht für alle zugänglich sein. Ich würde deswegen aber nicht die Demonstrationsform an sich verurteilen, sondern viel lieber das Konzept ausweiten. Wie bereits oben geschrieben, ist es mit einer Tanzaufführung nicht getan, es müssen Personen Ansprachen halten, sich um Flyer kümmern oder es können andere Beteiligungsformen gefunden werden, sodass sich möglichst viele Menschen einbringen können. Ich sprach vorher mit Menschen über dieses Event und wir waren uns über diesen Aspekt einig, wir fanden, er lägve auf der Hand. Leider kann man nicht davon ausgehen, dass alle Organteams das so sehen.

Das Tanzen an sich finde ich gut. Tanz kann für einige empowernd sein (ja, nicht für alle - aber ich glaube, es gibt nichts, was alle überall als empowernd empfinden) und vor allem sehr widerständig. Ich mag allgemein diese Dinge, die im öffentlichen Raum irritieren - deswegen mache ich ja auch Yarnbombing.
Ich hätte es aber cooler gefunden, wenn es keine Choreografie gegeben hätte, sondern alle einfach irgendwie wild - von mir aus überall zum gleichen Song - getanzt hätten. Tanzen, sich rythmisch bewegen kann man ja auch als Rollstuhlfahrerin, es ist zumindest barrierefreier als eine Choreo. Und welche gar nicht tanzen möchte, muss das ja auch nicht - das finde ich super wichtig! Und so habe ich das in der Einladung auch verstanden.
Die Frage nach der Angemessenheit würde ich ein bisschen anders betrachten. Vielleicht lebe ich da in meiner eigenen Welt, aber ich sehe die Aktion hauptsächlich als Vernetzung, Verbindung, Empowerment. Es geht in meinen Augen um: "Wir sind da, seht uns!" Durchs Tanzen soll nicht gezeigt werden, wie flauschig es doch ist, Gewaltopfer zu sein, sondern sich auch körperlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen.
Zudem bringt das Tanzen vielleicht nochmal ganz andere Gruppen von Menschen zu Themen des Feminismus. Und ich finde außerdem, dass Revolution Spaß machen darf - ohne Gewalt zu verharmlosen natürlich. Also ich bin pro Tanz, aber Contra Choreo.

Das waren so meine allgemeinen Gedanken, die ich vor dem Event hatte. Jetzt, nach dem Event, tun sich da ganz neue Probleme auf:
Ich war sehr schnell wahnsinnig genervt vom Bühnenprogramm in Köln. Zwischen drei (!) Tanzslots und einer absolut unlustigen und unangebrachten Comedyeinlage, gab es ein paar Rednerinnenbeiträge. Und die waren... nun ja... Wörter wie Sexismus, Homophobie, Rassimus habe ich irgendwie gar nicht gehört. Der Fokus lag auf einer einzigen Diskriminierungsform und die wurde dann auch immer gerne in anderen Ländern verortet. Es wurde von Afghanistan und Indien gesprochen, aber wenig von dem, was vor unserer Haustür passiert. Bei einem Event, was weltweit stattfindet, brauche ich noch weniger als sonst die Stimme für Menschen in anderen Ländern zu erheben - die tun das ja gerade zeitgleich für sich selbst! Es wäre also die perfekte Gelegenheit gewesen, mal weniger gönnerhaft aus "dem Westen" "rüber" zu gucken und anzuprangern, was woanders schief läuft. Gerade nach drei Wochen Aufschreidebatte in eben diesem Land hier hat mich das doch sehr enttäuscht.
Mehrfachdiskriminierung wurde einfach unter den Teppich gekehrt. Wir sind kein Einheitsbrei, wir sind alle unterschiedliche Frauen* (sollte sowas nicht der Tanz auch ausdrücken...?), die mit unterschiedlichen Diskriminierungen zu kämpfen haben. Trans- und Homophobie, Rassismus, Ableismus usw.

Auf der Bühne wurde stattdessen ständig den paar anwesenden Männern* gedankt - für etwas, was ich selbstverständlich finde. Dafür, dass sie nicht scheiße sind, sondern sich einem Protest gegen Gewalt an Frauen anschließen. Ich bin eine von denen, die immer gerne auch Männer* mit einbeziehen möchte. Einfach, weil wir gemeinsam in einer Welt leben. Aber ich muss mich bei denen nicht dafür bedanken.
Als dann der Satz "Lasst uns nicht immer den Männern die Schuld geben, sondern selbst Verantwortung für uns übernehmen!" fiel, dachte ich, ich wäre im falschen Film. Wenn mir Gewalt angetan wird, dann gebe ich daran der Person die Schuld, die die Gewalt ausführt. Dafür muss nicht ich Verantwortung übernehmen - muss ich das hier wirklich noch erklären?! Und wenn wir schon beim Thema sind: Die Komikerin auf der Bühne rief nicht nur dazu auf, dass wir uns selbst mehr lieben und anfassen (Was - jetzt und hier?!), sondern dies auch bei unseren Nachbar_innen tun sollten. Eine Veranstaltung, auf der es auch und ganz zentral um körperliche Übergriffe geht, lässt auf der Bühne dazu aufrufen, ungefragt Grenzen anderer Menschen zu überschreiten. Mehr als krass. Das machte mich sprachlos.
Und bei Sachen wie "man muss auf die Straße gehen, um für seine Rechte einzustehen", verstehe ich auch keinen Spaß. Eine Aktion gegen Gewalt an Frauen, auf der hauptsächlich Frauen anwesend sind und auf der Bühne werden solche Satzkonstrukte formuliert - absurd.

Das Fazit einer meiner Begleitpersonen war: "Dieses Event war irgendwie nicht für Feministinnen gedacht." Damit traf er den Nagel auf den Kopf.

Kommentare:

  1. Danke für deine Gedanken und auch für die Links, die ich hoffentlich demnächst mal genauer angucken kann.

    Ich habe ja durch die Prüfungsvorbereitungen nur mitbekommen, dass es das event geben soll und hielt das auch für eine gute Sache. Ich hatte überlegt, den Tanz zu lernen, aber erstens fehlte die Zeit und zweitens - ganz ehrlich - fand ich das Lied furchtbar und der Gedanke daran, es ständig zum Üben hören zu müssen, hat mich abgeschreckt. Ich habe beschlossen, einfach so mitzulaufen, weil ich, scheinbar ähnlich wie du, dachte, dass der Tanz nur ein Element ist.

    Ich weiß leider nicht, wie es in Heidelberg war, weil ich es vor lauter Renovieren doch nicht zu OBR geschafft habe. Was du erzählst, klingt aber extrem gruselig und am Thema vorbei. Mir blieb bei einigen deiner Schilderungen echt der Mund offen stehen.

    Ich merke durch deine - und andere - Beiträge immer wieder, wie einseitig mein Wissen und auch meine Sichtweise noch sind. Ich stecke schon noch sehr fest in der weiße-Hetera-Position und bin sehr froh, in letzter Zeit immer wieder auf Mehrfachdiskriminierung aufmerksam gemacht zu werden, weil das was ist, was ich bis vor nicht allzu langer Zeit (im Zusammenhang mit Feminismus) einfach nicht auf dem Radar hatte. Danke also für erneute Denkanstöße!

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  2. Hallo Faserpiratin

    Ich finde ihre Zusammenfassung hier toll.

    Mir bleibt nur der Nachgeschmack: ...nicht für Feministinnen gemacht
    Sind Feministinnen andere Menschen? Eine Art Unterart? Nein- oder?

    Wenn das Orgateam des Events evtl mehr Feministinnen mit drin gehabt hätte, dann wäre es vielleicht nicht so derb schräg geworden. (Mir klappte sich hier auch grad alles runter...)
    Ich glaube der Aspekt wurde in der Umsetzung in vielerlei Hinsicht vernachlässigt.
    Meine Freundinnen wollte alls nicht hingehen, weil sie "keinen Bock auf diese Emanzenscheiße hatten- soviele Feministinnen - nee danke!"
    Da half all mein Reden nichts.

    Die Orga-Fauen scheinen sich die Befürchtungen aber zu Herzen genohmmen zu haben- denn Feministisches habe ich auch in Bielefeld hier nicht gehört.
    Hier ging es um global auftretende strukturelle Unterschiede und schlichten Respekt untereinander. So sehr entweiblicht- dass man lieber "gegen Gewalt" aufgezeigt hat- statt "gegen Gewalt an Frauen".
    Dasist ein Phänomen dass ich für mich irgendwie immer wieder wahrnehme: Um auf frauenpolitischen Themen aufmerksam zu machen, darf es nicht feministisch klingen- sonst laufen alle weg.

    Wie man das löst, weiß ich nicht. Aber ich finde es ungut, wen sich Menschen die eine feministische Intention haben, so eingrenzen und an die Seite stellen, statt zu schauen, wie man das Event im nächsten Jahr, besser machen kann.

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    1. Hallo C.!

      Ich glaube, dein letzter Satz sagt schon viel aus: Es handelt sich um ein Event, nicht um eine politische Aktion. Ich glaube, da wird es tatsächlich auch in Zukunft schwierig, Einfluss auszuüben, denn das Event wird ja zentral organisiert/beeinflusst. Siehe Blogeintrag von Ewig Unzufrieden.

      Feminist_innen sind die, die sich seit Generationen mit Gewalt gegen Frauen beschäftigen; die, die nicht den Frauen die Verantwortung für Angriffe auf sich zusprechen; die, die sich mit strukturellem Sexismus beschäftigen; die, die die binäre Zweigeschlechtlichkeit infrage stellen; die, die nicht an biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern glauben; die, die Wert darauf legen, alle Geschlechter anzusprechen; die, die sich mit dem Konsensprinzip beschäftigen; die, die verschiedenen Diskriminierungsformen zusammendenken usw. usw. All das, was auf dem "Event" fehlte. Die Veranstaltung war schlicht nicht für Menschen mit einem bestimmten politischen Hintergrund gedacht, die Wert darauf legen, dass gewisse "Grundsätze" beachtet werden (keine Rassismen, Transphobie usw.).

      Viele Grüße,
      FP

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  3. Hey Faserpiratin,
    danke für die gute Zusammenfassung des Events und das Teilen deiner Gefühle!
    Es ist wirklich bemerkenswert, dass ein genuin feministisches 'Projekt' so unfeministisch aufgezogen wird. Bezeichnend auch, dass das Bühnenprogramm nicht ohne sexistische Witze auskommt. Wie war die Reaktion des Pubilkums? (Ich ertappe mich bei solchen Situationen ja leider immer noch dabei, dass ich die Mundwinkel zum eingelernten Lächeln verziehe, obwohl ich ein massives Störgefühl habe. - Aber ich arbeite dran...)

    Ich hatte vorher die Stellungnahme von Gladt e. V. gelesen und wollte deshalb nicht zur Demo gehen, obwohl ich die Aktion eigentlich wichtig finde. Wie du richtig schreibst, war es ein massenkompatibles Event, das wiederum nur über die Produktion von Ausschlüssen funktioniert. Schade!
    LG J.

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