Sonntag, 28. Juli 2013

Leseprobe: "Ich bin kein Sexist, aber..."


Ich hatte die große Ehre, zusammen mit Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst und Mithu Sanyal ein Buch über Sexismus im Allgemeinen und natürlich im Speziellen über den #Aufschrei zu schreiben. Das Ergebnis ist "Ich bin kein Sexist, aber... Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden", erschienen im Orlanda Verlag. Beziehen könnt ihr unser Buch über den Verlag, via Amazon oder in gut sortierten Buchhandlungen. EDIT: Ab August soll es das Buch auch als ebook geben.
 
Nachdem Mina schon am Freitag eine Leseprobe aus ihrem Text zur Verfügung stellte, könnt ihr im Folgenden die ersten Absätze aus meinem Kapitel "Reaktionären Reaktionen – der Versuch, gegen Sexismus zu argumentieren" lesen.
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Irgendeine Nacht im Januar, drei Uhr morgens - ich sitze im Schlafanzug vor dem Notebook und weine. Vor wenigen Stunden hat Nicole von Horst ihre ersten Erlebnisse mit Sexismus und sexueller Belästigung getwittert. Ich fühlte mich an eigene Geschichten erinnert und mich ihr deshalb verbunden – ich twitterte also auch meine Erfahrungen. Daraufhin entstand ein Dialog mit Anne Wizorek, die den Hashtag #aufschrei vorschlug, und damit brach die Lawine los. Die nächsten Tage sind irgendwie "Geschichte" geworden.
Betrachten wir #aufschrei mit dem Abstand von drei Monaten: Die Aktion hat vielen eine Stimme gegeben, die bisher stumm waren, aber leider auch Betroffene retraumatisiert. Diejenigen, die jahrelang geschwiegen haben und nicht laut aussprechen konnten, dass ihnen ein Unrecht geschehen ist, bekamen nun die Möglichkeit dazu. Es wurden Erlebnisse mit zudringlichen Familienmitgliedern oder Partner_innen, Sexismus in Schulen, in der Werbung, Vergewaltigungen geschildert. Das Internet half ein bisschen, die Scham zu nehmen – brachte aber natürlich keine Anonymität. Aus dem Grund trafen die oft reaktionären Reaktionen der Kritiker_innen viele von uns mitten ins Herz.
Dadurch, dass nicht nur ein oder zwei Menschen von ihren Erlebnissen mit Sexismus berichteten, rückten die Opfer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - oder hätten dorthin rücken können, wäre an vielen Stellen nicht versucht worden, ihnen diese Aufmerksamkeit zu nehmen. Meine persönlich erste Reaktion auf all die Geschichten, die trotz (oder wegen) der twittereigenen Beschränkung auf 140 Zeichen eine unglaubliche Kraft hatten, war irgendwas zwischen Empörung, Wut und Verbundenheitsgefühl. Meine Tränen waren Zeichen von Traurigkeit und Überforderung. Bestärkt wurden diese Gefühle von den Tweets, die versuchten, #aufschrei ins Lächerliche, ins Banale zu ziehen. Aussagen von Menschen, die teilweise dagegen argumentierten und teilweise einfach nur bösartig und hasserfüllt waren.
In diesem Beitrag möchte ich mich mit den Reaktionen beschäftigen, denn bei Betrachtung der Vorwürfe gegen #aufschrei und #Tugendfuror lassen sich gewisse Muster erkennen.
Macht ist eine ganz wichtige Komponente beim Thema Sexismus. Wenn eine Person einer anderen vorwirft, etwas falsch gemacht zu haben, ist eine der typischen Reaktionen, den Vorwurf von sich zu weisen. Öffentlich gesagt zu bekommen, einen Fehler gemacht zu haben, bedeutet für viele Gesichtsverlust – damit einher geht dann die Angst, die gesellschaftliche Stellung und damit verbundene Macht zu verlieren.
Viele Männer reagierten sehr empathisch auf die verschiedenen Geschichten. Vielen war anscheinend nicht bewusst, wie das alltägliche Leben zahlreicher Frauen aussieht. Einige Männer bekamen den Eindruck, sich in einer ganz anderen Lebenswelt zu bewegen. Ich habe sehr viele Statements von Männern gelesen, die angeregt wurden, ihr eigenes Verhalten zu überdenken und dies auch taten. Sie merkten, dass das, was sie für sich immer als okay definiert oder sich einfach herausgenommen hatten, nicht immer als korrekt empfunden wurde. Hier hat die Debatte wirklich etwas bewegen können.
Leider gab es da aber auch die Gegenseite, und die fühlte sich von den Tweets auf den Schlips getreten. Diesen Leuten fiel es schwer, Empathie mit den Opfern zu empfinden, und sie gingen zum Angriff über. Anders lässt sich nicht erklären, dass der Hashtag ganz schnell Menschen anzog, die den Twitternden Vorwürfe machten oder sich beschwerten, weil sie sich angesprochen fühlten. Für sie war nur die eigene Person wichtig, die da eventuell angegriffen werden könnte, was auf keinen Fall gerechtfertigt wäre. Bei einigen entstand auch das Gefühl der Ausgrenzung, weil sie nicht auf der Seite der Opfer standen und ausnahmsweise mal nicht diskursbestimmend waren.

Kommentare:

  1. Gibt es das Buch mittlerweile auch als epub und hast du am besten noch einen Link dazu? Ich habe leider selbst nichts gefunden.

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