Dienstag, 3. Juli 2012

Zugerlebnisse I

Ich verspreche, dass ich demnächst auch nochmal positive Sachen poste (sowas wie die Alltagsfreuden vielleicht), aber heute ist wieder ein Ätz-Thema dran.
Schon bei den Belästigungen ist mir ja aufgefallen, dass die sich in der letzten Zeit um mich rum häufen und auch nach den Blogposts dazu gab es weitere Erlebnisse. Komischerweise geht mir das derzeit auch mit Rassismus so. Bin ich nur aufmerksamer geworden oder einfach von zu viel idiotischem Pack umgeben?

Vor ein paar Wochen saß ich im Zug nach hause. Im Vierersitz schräg gegenüber saß ein älterer Herr, der mich nervte, weil ich trotz Kopfhörer seine Volksmusik mithören musste. Am nächsten Halt stieg ein junger Mann ein. Der ältere Herr musterte den neu Hinzugestiegenen von oben bis unten und rümpfte missbilligend die Nase. Wegen der dunklen Hautfarbe, nehme ich an, denn anders kann ich es mir nicht erklären.
Der Zugestiegene guckte nur belustigt: "Meinst du, du hast den Zug für dich alleine?" und setzte sich trotzdem dem anderen gegenüber. Der ältere Herr schnellte grummelnd in die Höhe und setze sich protestierend woanders hin.
Ich guckte entsetzt, schimpfte laut irgendwas und wechselte einen Blick mit dem Zugestiegenen. Er nahm die Sache zum Glück mit Humor, grinste breit und setzte sich. Wir sagten noch kurz was von "Idiot" oder so. Ich war froh, dass es lachte, denn mir blieb es im Hals stecken.
Kein Fahrgast sonst reagierte auch nur.

Letzte Woche dann hörte ich, wie im Abteil unter mir ein Schwarzfahrer erwischt wurde. Der Kontrolleur wurde laut und die zwei diskutierten. Ich hab nicht alles mitbekommen, weil ich Kopfhörer trug, zuckte aber bei "Wir sind doch hier nicht bei den Zigeunern!" zusammen. Was hatte der grade gesagt? Weil der Mensch also schwarz fuhr und mit ausländischem Akzent sprach, musste er sich nicht nur duzen, sondern auch noch beschimpfen lassen?!
Ich sagte laut in den Raum hinein: "Das kann doch jetzt nicht wahr sein!"
Nachher habe ich mich gefragt, wie ich bei sowas reagieren soll. Wäre das gleich neben mir passiert, hätte ich den Kontrolleur auf jeden Fall angesprochen. Runter zu gehen, das hab ich mich nicht getraut. Eigentlich dumm...

Heute hatte ich es dann mit Homophobie zu tun. Ein Thema, mit dem ich es immer wieder zu tun habe. Viel zu oft begegnen mir Menschen, die "schwul" und "Schwuchtel" als alltägliche Schimpfworte benutzen und sich wundern, wenn ich das anprangere. Mich kotzt es so an, dass die meisten Leute nicht für 2 Cent nachdenken über das, was sie sagen! Ich werde nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, die sehr Sprache Wirklichkeit formt. In all dem Gerede tragen sich Rassismen und Sexismen (und alles andere) weiter fort. Sie bleiben in unserer Gesellschaft normal, weil üblicher Sprachgebrauch.

Als ich dann heute aus dem Zug aussteigen wollte, musste ich neben einem Vierersitz warten, in dem frei junge Männer saßen und sich über Menschen im Zug unterhielten. Schon das dumme Gelaber über die Leute, die zum Reggeafestival fahren nervte mich. Doch als dann der Satz "Da saßen nur Drogenabhängige und Schwule im Zug, keine normalen Menschen!" fiel, dachte ich, mich trifft der Schlag.
- "Hast du das grade wirklich gesagt?"
- "Hä, was?"
- "'Schwule, aber keine normalen Menschen'?? Denk doch mal nach!"
- "Hab ich das gesagt...? Nee..." (immer leiser werdendes unverständliches Gegrummel)
- "Das kann doch nicht wahr sein! Über den Satz solltest du echt mal nachdenken!"

Tja, was Schlaueres fiel mir echt nicht ein... Ich hätte viel viel deutlicher werden müssen.
Ich war sehr froh, dass ich überhaupt was gesagt habe - wieder mal im Gegensatz zu all den Menschen um uns rum. Trotzdem konnte ich wohl nicht zu mehr als dummem Lachen anregen. Ob die da wirklich nachdenken, was sie sagen?

Ich jedenfalls denke nach. Über gute Sprüche, die man so dummen Menschen dann reindrücken kann. Und darüber, wie ich mutiger werde, schneller und deutlicher und vor allem immer was zu sagen, wenn andere es mal wieder nicht tun.

Kommentare:

  1. Arrrrrrrg, Kackscheiße!

    Ich finde aber, du hast gut reagiert, also ich meine jetzt speziell die letzte Situation. Du hast ihn nicht beleidgt, sondern nur etwas bloßgestellt. Im besten Fall war ihm das unangenehm und er denkt darüber nach, das ist doch gut.

    Oft finde ich es auch schwierig einzugreifen, besonders, wenn es keinen richtigen "Konflikt" gibt. Und ich weiß auch nicht, ab wann man sich als heroische Retterin aufspielt. Wenn ich also das Gefühl habe, die betroffene Person kommt alleine klar, dann greife ich höchstens bestätigend ein, lächle, oder signalisiere sonstwie meine Unterstützung. Ansonsten kann man auch schon mal jemanden etwas aggresiver in seine/ihre Schranken verweisen.

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    1. Deswegen hab ich in der 1. Situation auch nicht mehr gesagt - der wusste sich ja ganz gut zu helfen. Da sehe ich das wie du: Bereithalten, Zustimmung zeigen und nur ggf. eingreifen.

      Ansonsten hoffe ich, dass ich zum Nachdenken anregen konnte. Erfahren werd ich es ja nicht ;-)

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  2. Zu glauben, dass du die Menschen mit einem klugen, spontanen Spruch ernsthaft zum umdenken bringen wirst, kannst du vergessen. Ignoranz kriegst du nicht durch ein 5 Sekunden-Gespräch aus den Köpfen raus. Gerade dann, wenn die Typen in Gruppen auftreten, wirst du kaum auf Verständnis stoßen. Ich finds gut, dass du deine Meinung auch laut vertrittst. Wenn diese Leute laut ihren Rassismus und Sexismus herausposaunen, kannst du deiner Umgebung ruhig zeigen, dass man auch die andere Meinung stolz vertreten kann. Die Leute haben einfach viel zu viel Angst.

    (Aber in Zeiten, in denen man als erwachsene Person von einer Horde Jugendlicher auf offener Straße verdroschen werden kann, ist Angst auch irgendwie nachvollziehbar... oder?)

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    1. Man kann aber zum Nachdenken anregen.
      Und ich spreche ja von einer Situation im ICE. Es war voller Leute und die Jüngelchen waren um die 18. Was hätte mir oder anderen passieren können? Nichts.
      Man muss das von der Umgebung abhängig machen und auf sein Gefühl vertrauen, bevor man losprescht. Aber in meinen Fällen war ja keine Gefahr.

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  3. Ich finde das gut, dass du überhaupt etwas gesagt hast. Ich denke auch, dass es nicht unbedingt darauf ankommt, möglichst rabiat oder hart dabei zu werden, und deutlicher hättest du nicht werden brauchen bei deinem letzten Beispiel. Ich finde das z.b. schon deutlich. Gerade das "Denk doch mal nach!" finde ich eine gute Reaktion.

    Ich hatte neulich ein Gespräch mit einem anderen Weißen, der fand, es sei cool, das N-Wort zu verwenden und das wäre ja gar nicht schlimm und seine schwarzen Kumpels würden das Wort ja auch verwenden und er wäre ja schließlich kein Rassist und wer ihm das verbieten würde, würde ihm ja ein Denkverbot auferlegen, das sei ja Sprachzensur. Das Übliche halt.. irgendwie ist es mir gelungen die Diskussion da hin zu lenken dass er sich erklären musste, wieso er so dringlich auf diesem Wort besteht und was er da für einen seltsamen Film zu laufen hat damit. Was so schwer dran sei, sich was anderes anzugewöhnen und was diese Trotzhaltung wegen des eines Wortes solle, dessen Benutzung ihm doch eigentlich gar nichts brächte. Letzten Endes hatte ich schon den Eindruck dass das bei ihm zum Nachdenken geführt hat. (Natürlich bringt ihm die Benutzung des Wortes etwas, man kann damit seine Machtposition klarstellen, man demonstriert, dass man damit durchkommt.)

    Mein Freund ist letztens im Zug gefahren und hat mitgekriegt, wie Lehrer mit ihrer Klasse auf Schulausflug sich lautstark auch unterhielten, wie wenig schlimm das N-Wort doch sei und die eine hatte sogar ein Buch gelesen aus den 50ern, wo das Wort verwendet würde, (einen Roman) und daher kann das ja nichts schlimmes sein, wenn das sogar in der Literatur vorkäme. Er hat nicht direkt eingegriffen weil er nicht drei Lehrer gegen sich haben wollte, aber er hat zugehört und sich aufgeschrieben von welcher Schule die sind, und hat dem Rektor ne Beschwerdemail geschrieben, und eine Kopie ans Bildungsministerium, hähä. Das Ministerium hat zurückgemailt, dass sie eine Informationsveranstaltung gegen Rassismus an der Schule durchführen werden.

    Ganz Fremden gegenüber finde ich das auch sehr schwierig, einzugreifen und dabei halt noch irgendwie souverän und lässig zu bleiben so dass diese sich nicht noch bestätigt fühlen dadurch daß sie es geschafft haben dass sich jemand schlecht fühlt und aufregt. Daher mein Respekt dass du dich überhaupt dazu überwunden hast! Wenn ich in der Situation wäre dass ich diskriminierend angemacht würde, würde mich eine solidarische Reaktion von jemand anderem auf jeden Fall freuen.

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    1. In unserer Pippi-Langstrumpf-Ausgabe wird zu Beginn erklärt, dass in diesem Buch das N-Wort verwendet wird, weil es damals so üblich war und das sei nicht schlimm gemeint. Hm, ich werde das wohl anders vorlesen. Und vielleicht gibt es ja eine bessere Ausgabe, bis meine Kinder selber lesen können.

      Die Reaktion Deines Freundes finde ich super! Darauf wäre ich nie gekommen, dem Rektor und dem Bildungsministerium zu schreiben. Genial!

      Liebe Grüße,
      Henriette

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    2. Total - das hat dein Freund echt super gemacht, Distel!

      Henriette, Pippi Langstrumpf ist tatsächlich so ein "Problembuch". Vom Wort abgesehen ist ja auch die Situation, dass ein Weißer König unter "den Wilden" ist schon rassistisch. Dann der Name Taka-Tuka-Land.
      Das ist echt schwierig.

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  4. Liebe Piratin,

    ich finde Deine Reaktion genau richtig. Mit Deiner Aufforderung zu Nachdenken und der Wiederholung des Satzes hast Du dem Deppen einen Spiegel vorgehalten und ihn zum Denken angeregt. Wenn auch nur für eine Sekunde vielleicht, aber immerhin!
    Hättest Du ihm genau auseinandergesetzt, was an seiner Aussage falsch ist, am besten noch die entsprechenden Paragrafen genannt, dann hätte er sicher nur auf Durchzug geschaltet.
    Meine Schwester sagte neulich zu mir: "Wenn du solche Typen mit ein paar Sätzen komplett ändern könntest, dann solltest du als nächstes den Nahostkonflikt lösen."

    "Über den Satz musst Du aber mal nachdenken!"
    Ich finde das richtig gut. Das werde ich beim nächsten Mal auch sagen.
    Ich bin nämlich auch so eine, die reagiert, während alle anderen wegschauen. Mein Mann sagt immer, dass ich eines Tages mal was auf die Schnauze bekomme, wenn ich so weitermache. Das hält mich aber nicht ab. Nur wenn ich die Kinder dabei habe, bin ich vorsichtiger. Aber mein großes Kind (4 Jahre) übernimmt das jetzt schon für mich. "Der Mann da hat gerade seinen Müll auf den Gehweg geworfen. Dabei ist doch hier ein Mülleimer! Der weiß das wohl nicht." *grins* Ich bin sicher, das Kind kommt nach mir und wird sich später auch bei Themen wie Rassismus und Sexismus einmischen.

    Das Gemeine ist ja, dass solche Leute das oft einfach nur dahin sagen, ohne nachzudenken und ohne Emotionen. Wir ärgern uns, wenn wir so etwas hören und regen uns auf. Und schon sind wir die Dummen. "Mensch Mädchen, hast du sonst nichts zu tun, als dich hier aufzuregen? Geh mal lieber arbeiten!" sagte neulich ein Idiot zu mir, als ich mit beiden Kindern mittags unterwegs war und er sich mehrfach rücksichtslos und respektlos uns gegenüber verhalten hatte.

    Respekt ist bei solchen gedankenlosen Typen das eigentliche Thema, egal ob Rassismus, Sexismus oder simple Rücksichtslosigkeit. Dem einen ist egal, ob der Gehweg wir eine Müllhalde aussieht, dem anderen ob er andere Personen oder -gruppen durch seine Aussagen oder Reaktionen abwertet oder beleidigt. Genauso wie der Nichtraucherschutz vielerorts nicht beachtet wird. "Wenn jeder nur an sich denkt, ist doch an alle gedacht", sage ich zu solchen Idioten oft.

    So, genug jetzt, sonst finde ich kein Ende.

    Du machst das genau richtig und bitte weiter so!

    Liebe Grüße,
    Henriette

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    1. Danke :-)

      Ich kenne das, mir sagt man auch oft, ich solle doch mal den Mund halten. Meine Schwester kann das so gar nicht verstehen und findet immer, ich mache aus allem eine "große Sache". Grade auch bei Sexismen.
      Vor zwei Jahren hat mein Ex die Polizei gerufen, weil auf einem Bierfest neben uns vier Jungs Nazilieder gesungen und Sprüche gebracht haben. Wir haben danach zu viert vor Gericht ausgesagt.
      Ich kann sowas einfach nicht übersehen, ich muss da was sagen oder tun. Und ich finde gut, dass ich so bin - und dass du so bist ;-)

      Und ich denke, wenn man selbst einen guten Blick hat, wann man sich in Gefahr bringt, kann man ruhig weiter den Mund aufmachen.

      Liebe grüße,
      FP

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  5. also ich find deine reaktion bei dem schwulen-kommentar genau richtig. und zu dem älteren herren: ich wär da etwas vorsichtig, überall rassismus reininterzupretieren. vielleicht wollte er einfach nur seine ruhe, er mochte den geruch des aftershaves nicht, oder er nörgelt einfach alle an. gibts auch.
    ich duze die meisten menschen, weil ich dieses gestelzte gesieze nicht mag. wenn ich das bei irgendjmd mache, der fremdländisch aussieht, hab ich oft bedenken, dass derjenige/andere denken, dass ich ihn nur duze, weil er "ausländer" ist, und ich ihn nicht für voll nehme. dabei mach ich das einfach immer....

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    1. Hallo Mausflaus,

      Der ältere Herr verzog sich, sobald der Zugestiegene auch nur den Platz gegeüber ansah. Das hatte nichts mit der Person an sich zu tun, denke ich. Wir haben das in dem Moment jedenfalls beide so verstanden.

      Ich duze im Privaten auch meistens, aber die Bahnmenschen tun dies zumindest währned ihrer Arbeitszeit generell nicht. Für mich war das ein ganz klares "dummer-Ausländer-duzen". Ist mir schon sehr oft aufgefallen.

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