Montag, 24. September 2012

Gedanken zu #MMwird5

Ich kam gestern Abend zurück von meinem mehr oder weniger spontanen Guerilla- Ausflug nach Berlin zum Geburtstag der Mädchenmannschaft. Eigentlich wollte ich hier berichten von wahnsinnig netten Begegnungen und Treffen mit Internet-Menschen. Leider wird das Positive des Wochenendes ein bisschen überschattet vom Rassismus-Fail während der letzten Podiumsdiskussion.

Die Distel hat schon dazu gebloggt und ein paar andere Leute auch. Ich kann der ganzen Geschichte wenig hinzufügen, weil ich leider auch erst spät hinzukam. Nicole, Dani und ich waren zuerst beim Workshop über häusliche Gewalt und verpassten so den Anfang der Diskussion. Die Stimmung auf dem Podium war extrem angespannt und es war schon im Vorhinein klar, dass alles andere als Frieden herrschen würde.
Ich will zu den rassistischen Äußerungen gar nichts sagen - die waren rassistisch und damit Punkt. Da braucht man nichts diskutieren, das ging sowas von gar nicht!
Was vorgefallen ist, könnt ihr z.B. bei Distel nachlesen, andere Blogeinträge werden sicher in den nächsten Tagen hinzukommen.

Ich will hier eher noch was zur Orga und dem Drumherum des Tages allgemein und vor allem auch während der Diskussion schreiben.
Ein großer Kritikpunkt ist für mich ganz eindeutig die Moderation des Tages. Das began gleich damit, dass die offizielle Begrüßung stattfand, nachdem schon die ersten Workshops besucht werden konnten. Man war also ins kalte Wasser geschmissen.
Die Begrüßung an sich war dann etwas nichtssagend. Grußworte wurden vorgetragen und die Toiletten wurden erklärt. Es gab keine Infos zum Programm (jaja, kann man alles nachlesen, aber drei Sätze wären doch drin gewesen...) und vor allem fehlten mir ein paar Verhaltensregeln. Ist ja gut, dass auf dem Programm steht, wir sollen alle nett zueinander sein und "Krawall machen", wenn es zu Diskriminierung kommt. Das darf man aber gerne bei der Begrüßung nochmal laut sagen! Ich hätte mir da auch konkretere Angaben gewünscht, um deutlich zu machen, welches Klima auf der Veranstaltung erwünscht ist. (Mal davon abgesehen, dass vielleicht ein Awarnessteam eine tolle Idee gewesen wäre.)

Die Podiumsdiskussion, die dann so aus dem Ruder lief, war auffallend schlecht moderiert. Ich kam wie gesagt später hinzu und verstand erst gar nicht, dass es überhaupt eine Moderation gab. Alle Teilnehmerinnen* saßen vorne nebeneinander und keine verhielt sich als neutrale bzw. gesprächsleitende Moderatorin*. Die ganze Diskussion verlief strukturlos. Grade da durch die Auswahl der Gäste vorher bekannt war, dass es zu Konflikten kommen würde, war das ein Ding der Unmöglichkeit.
Btw. - warum wird eine der Slutwalk-Veranstalterinnen eingeladen, wenn die MM bisher eh meistens (zu recht!) negativ über die SW berichtet hat?
Dazu kamen zwei konträre Gesprächsteilnehmerinnen und eine Moderatorin, die kein bisschen neutral war und das Gespräch einfach laufen lies. Für mich entstand ganz schnell der Eindruck, dass die MM eine hitzige/emotionale Diskussion in Kauf genommen hat. Bei den ersten rassistischen Äußerungen zeigte die Moderatorin* keine Reaktion, sie griff nicht ein. Erst die für die Technik zuständige Kollegin* griff ein und brach dann die Diskussion ab. Für mich auch nicht der richtige Weg, aber zumindest eine Reaktion. Die Rassistinnen* des Raumes zu verweisen und so die Rechte als Gastgeberinnen* auszunutzen, hätte ich richtiger gefunden.
Wenn man sich nicht in der Lage sieht, ein Podiumsgespräch so zu leiten, dass niemand beleidigt wird bzw. einzugreifen, wenn es so weit kommt, dann muss man den Posten an eine andere abtreten. Sich darauf zu verlassen, dass eine Kollegin* was sagt, die Menschen auf dem Podium moderierend eingreifen oder das Publikum aufsteht und was sagt, geht gar nicht.
Im Nachhinein dann erst von Leser_innen darauf hingewiesen werden zu müssen, dass der Feedbackaufruf zur Veranstaltung bitte einen eigenen Blogpost verdient - da hat wohl jemand immer noch nichts gelernt.

Was bleibt, ist ein gefühl der Ohnmacht. Wie soll ich mich nun verhalten, was hätte ich besser machen können?
Es ist gruselig zu sehen, dass in Kreisen, die sich gegen Sexismus einsetzen, Rassismus stellenweise so wenig mitgedacht und beachtet wird. Meine Meinung ist, dass man sich kaum für das eine einsetzen und das andere missachten kann - das darf nicht sein.
(Und dann für mich persönlich immer noch die Frage: Wo stehe ich als Halb-Südländerin und damit laut Definition Frau mit Migrationshintergrund in dieser Debatte?)

Ansonsten:
In der Woche vor der Party unterhielt ich mich via Twitter mit Dani (die ja eine derjenigen war, mit denen ich nach Berlin fuhr), Franziska und Grrrlsmith und ich schlug vor, dass wir doch unsere Twitter-Avatare als Buttons tragen könnten. Eine Maschine dafür sei ja vor Ort. Ich fand es wahnsinnig schade, dass dann bei der Party nur die Veranstalterinnen Namensschilder trugen und nur drei von uns sich Buttons machten. Andere selbstgebastelte Namensschilder sah ich noch seltener.
Warum ich das hier erwähne: Die MM ist ein Onlineprojekt und viele von uns kennen sich eben tatsächlich nur online. Ich kenne das von ähnlichen Events, dass Namensschilder zum Basteln/Ausfüllen (und seien es eine Rolle Klebeband und ein Edding) bereitgestellt werden. Von vielen kenne ich das Gesicht nicht, aber eben den Nick oder grade noch so den Vornamen. Man spricht ja nicht gleich jede_n auf Verdacht an und Schilder würden da einiges erleichtern.
Was ich sagen will: Es ist nicht schlimm, dass ich die Idee für die Buttons selbst haben musste. Ich finde es aber blöd, dass an die Möglichkeit eines Namensschildes in irgendeiner Form nicht gedacht wurde. Die Stimmung ist anders, wenn man weiß, mit wem man es so zu tun hat.
Die Franziska hat in ihrem Workshop übrigens nicht nur eine Vorstellungsrunde gemacht, sondern auch gleich gefragt, wer mit welchem Pronomen angesprochen werden möchte. Großes Lob!

Weiterhin fand ich es sehr schade, dass kaum Raum für private kleine Treffen eingeplant war. Ich denke, auch den Organisatorinnen* war bewusst, dass viele das Event nutzen würden, um Internetbekanntschaften im RL treffen zu wollen und auch mal in kleinen Grüppchen nette Gespräche zu führen.
Im Flur vor den Räumlichkeiten waren Infotische aufgebaut, dort war es zu eng. Im Erdgeschoss wurde Essen ausgegeben und es gab Livemusik. Dort war es dementsprechend laut, alle wollten zuhören - nicht perfekt für einen Erstkontakt mit Leuten, die ich sonst nur aus dem Netz kenne.
Als Beispiel kann ich da mein Treffen mit Paula nennen. Sie erkannte mich auf dem Klo zufällig an meinem Button und wir trafen uns dann auf ein kurzes Gespräch im Flur. Platz zum Sitzen gab es nur auf einem Tisch, der gerade abgeräumt worden war. Sonst hätten wir blöd rumstehen müssen.

Dass der Ruheraum nur für Orgaleute und Künstlerinnen* reserviert war, war auch sehr schade. Klar lag das auch am beengten Raum des Veranstaltungsorts, aber diesen sollte man ja auch danach aussuchen. Ich jedenfalls fühle mich von vielen Menschen leicht gestresst und hätte mir gewünscht, auch eine Ecke zu haben, in der man sich etwas zurückziehen kann.
Verbesserungswürdig war auf jeden Fall auch die Aufteilung der Slots. Die Lesungen, Musikerinnen*auftritte, Workshops und Diskussionen liefen nicht einfach parallel (was ja üblich ist), sondern überschnitten sich.


Trotzdem war natürlich nicht alles schlecht. Der Zine-Workshop von Franziska war toll und ich mochte den Vortrag zur häuslichen Gewalt. Auch die Podiumsdiskussion, was sich denn in fünf Jahren bei der MM verändert hat, war interessant.
Besonders schön waren aber die Begegnungen mit netten Menschen - danke da an die Beteiligten!

EDIT: Die Dani hat auch gebloggt und ihre Gedanken sind ein bisschen strukturierter als meine.

Kommentare:

  1. Das war ein ausführlicher Bericht und da du andere Teile der Veranstaltung erlebt und besucht hast als ich, füllt er auch eine Lücken. Die Frage, warum es nicht geht, in Kreisen gegen Sexismus auch Rassismus mitzudenken, stelle ich mir auch und ich denke, die Antwort ist schon, "kriegt das mit der Critical Whiteness auf die Reihe". Es wird mißachtet, weil die Mehrheit weiß/privilegiert ist und gelernt hat, diese Privilegien nicht als solche zu erkennen...

    klar haben viele, ich ja auch, einige Texte gelesen, einige Bücher gelesen, sich ein paar Sachen bewusst gemacht, aber das ist ein Prozess, wo ich für mich merke, dass ich einfach noch viel zu lernen habe. Wenn die Sache dann anfängt, strukturell zu werden, dann entert man Gefilde, wo ich gemerkt habe, ich bin da auch mit der Bewußtseinsbildung hinterdrein.

    Klar, mal so ganz offen rassistische Äusserungen opponieren, oder rassistische Denke bei sich selbst entlarven und umdenken lernen, das ist alles schon im Gange, aber wahrnehmen lernen, was ich alles nicht bedenken und nicht leisten und nicht tun muss, also die Abwesenheit des "sich Anstrengen müssens" als etwas wahrnehmen zu lernen, was nicht selbstverständlich ist, sondern Privileg, da bin ich Anfängerin, hab ich gemerkt.

    Und was auch total schwer zu überkommen ist, und was ich auch merke, ist der Reflex des "Entschuldigens des Nett gemeinten". Daß ich als Weiße andere Weiße reflexartig in Schutz nehmen will, wenn ich denke, das das ja unabsichtlich und gut gemeint und blablabla sei, was sie tun. Dass die Personen, denen "das Klavier auf die Füsse gefallen ist", wie Noah Sow sagte, und die dann nur "Aua" schreien, dadurch als die Spassbremsen und Überempfindlichen erscheinen, ist die Folge. Komisch, die angelernte "weiße Solidarität"..

    Scheisse nur, dass erst was passieren muss, bis Groschen anfangen zu fallen, argh - aber gut, dass es Menschen gibt die immer wieder, obwohl sie in keiner Weise dazu verpflichtet wären, drauf hinweisen.

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  2. Ich war vor zwei Wochen auf der OpenMind (#om12) und kann nur bestätigen, dass das mit den Namensschildern eine sinnvolle Sache ist. Auch wenn sich einige Leute einen Spaß daraus gemacht haben, ständig ihre Namenssschilder zu vertauschen :-)

    Ich würde mich freuen, dich nächstes Jahr auch auf der OpenMind sehen zu können.

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    1. Ich würde auch gerne zur #om13 kommen - die Vorträge dieses Jahr waren wirklich klasse, hab sie mir auf YouTube angesehen.
      Danke für deinen Kommentar :-)

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