Dienstag, 19. November 2013

What about the Allies? - Welche Art Unterstützung wünschen sich Feministinnen?


Dies ist ein Gemeinschaftstext von @AranJaeger und @Faserpiratin. Wir wollen hier die Erfahrungen von einer Feministin und einem Ally zusammenfließen lassen, um möglichst viele Aspekte zu beleuchten. Natürlich haben unsere Erfahrungen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und sind aus unserer ganz persönlichen Sichtweise beschrieben. Andere Feministinnen und Allies haben vielleicht andere Erfahrungen gemacht, weswegen wir uns über Kommentare und Ergänzungen freuen. Zudem gibt es Allies auch auf anderen Gebieten, wenn wir hier von Allies reden, meinen wir immer Feminist Allies.

Viele Feministinnen sind zu recht skeptisch gegenüber denen geworden, die sich selbst großzügig als Allies stilisieren, von deren Taten allerorten zu hören, aber so gar nichts zu sehen ist. Das sind vielfach die Männer, die eingeschnappt sind, wenn sie von Feministinnen kritisiert werden, weil ihnen nicht der Hintern für ihr übergriffiges Verhalten gepudert wurde und die dann dramatisch und in Begleitung vielerlei Beschimpfungen die Flinte ins Korn werfen. @Tofutastisch hat dazu bereits einen Rant geschrieben, an den wir uns thematisch anschließen und uns fragen: Was wollen Feministinnen eigentlich?

Allies sind in erster Linie unterstützende Menschen, die nicht selbst von der Diskriminierung betroffen sind, gegen die sie sich stellen wollen. Was dabei als unterstützend empfunden wird, ist von Feministin zu Feministin unterschiedlich. Allies sind auch nicht zwingend Menschen, mit denen eine Feministin befreundet ist und nur weil du dich wie ein Ally verhältst, heißt das nicht, dass dir von deinem Handeln Vorteile bei Feministinnen entstehen. Ally solltest du aus Überzeugung sein und nicht nur, wenn sich eine Feministin in der Nähe befindet und dir dafür „Kekse“ geben kann.

Feministinnen sind 24 Stunden am Tag Feministinnen. Feminismus ist eine Haltung und die lässt sich nicht abschalten, Diskriminierung noch weniger. Frauen sind an vielen Stellen des Lebens Belästigung und Sexismus ausgeliefert, haben schlechte Erfahrungen mit Übergriffigkeit gemacht und gelernt, immer wachsam zu sein. Diejenigen, die sich zusätzlich zum täglichen Kampf im Alltag auch politisch gegen das Patriarchat stellen, müssen sich allerorten erklären und ernten dafür vielfach Spott und Beleidigungen.
Als Feministin wünschst du dir hin und wieder, dass nicht die ganze Welt feindlich ist. Dass du ab und zu Aufgaben abgeben kannst an Leute, die weniger ausgebrannt sind als du selbst und deine (weibliche) feminist bubble. Einfach mal auf einer Party sein, auf der nicht immer du die Spielverderberin bist, die auf sexistische Witze hinweist. Zur Arbeit kommen und ein anderer Mann weist die Kollegen auf den herabwürdigenden Kalender an der Wand hin. Du gehst mit deinem Kind auf den Spielplatz und triffst dort neben anderen Müttern auch Väter, die in Elternzeit gehen, dafür aber nicht auch noch den ganzen Tag gelobt werden wollen. Der Typ, mit dem du dich an der Bar unterhälst, glaubt nicht, dass dein Lächeln ein Zeichen dafür ist, dass du generell auf Männer und im Besonderen auf ihn stehst. Männer erklären dir nicht mehr ungefragt Dinge, die du eh weißt oder nie wissen wolltest.


Ein Ally fällt nicht einfach vom Himmel und deswegen ist es ganz normal, Dinge nicht zu wissen. Wichtig ist immer die Selbstreflektion des eigenen Handelns und der eigenen männlichen Privilegien. Sei dir also auch deines Nichtwissens bewusst und halte dich nicht für unanfechtbar. Nimm Kritik an deinem Verhalten ernst, aber nicht persönlich. Wir alle machen Fehler, wichtig ist, daraus zu lernen, das Handeln zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln. Wenn Feministinnen dich kritisieren, wirf nicht das Vorwurfskarusell an und gehe nicht in Verteidigungsstellung, das hilft nicht und kostet allen Energie. Erkläre Feministinnen nicht wie "richtiger Feminismus" funktioniert, denn es ist nicht dein Kampf, sondern ihrer. Sprich immer aus deiner Position heraus und spreche Frauen ihre Erfahrungen mit Sexismus, Street Harrasment etc. nicht ab. Sei dir bewusst, dass gerade Feministinnen unter Dauerfeuer stehen und dir deshalb nicht immer die Hand halten und alles hundertfach erklären können. Wenn du bei feministischen Dingen nicht weiter weißt, rede mit einem anderen Ally darüber oder schnapp dir ein Buch.

Vergiss nicht, um wen es hier geht und mache Frauen sichtbar (das fängt z.B. bei Verlinkungen in Blogeinträgen an). Biete Frauen Freiräume, in denen sie sich entfalten können und respektiere. dass diese Freiräume auch mal nur für FLTI* reserviert sind. Achte online und offline auf dein Redeverhalten: Hast du in einem Gespräch viele Redeanteile, die besonders lang sind? Verhälst du dich dominant? Könnten Frauen aufgrund deiner Redensweise keine Lust mehr haben, sich am Gespräch zu beteiligen? Bei manchen Themen ist es wichtig, auch mal den Mund zu halten. Es gibt Felder, die nur von Betroffenen besprochen werden sollten. Nur, weil du eine Meinung hast, musst du sie nicht immer äußern. Achte auch auf deine Sprache: Ist sie sexistisch? Drückst du dich geschlechtergerecht aus? Hälst du dich an die gewünschten Selbstbezeichnungen aller Personen?

Frage erst, ob und wie du helfen kannst, bevor du zur Hilfe eilst und dabei vielleicht übergriffig wirst. Das kann bei Tätigkeiten im Alltag oder auch bei Diskussionen im Netz der Fall sein. Wenn du Frauen das Gefühl gibst, du greifst ein, weil sie Frauen sind und ihre Probleme deshalb nicht alleine lösen können, bist du kein Ally.
Wenn du Street Harassment beobachtest, ist deine Zivilcourage gefragt. Sei dir aber bewusst, dass die Frau sich gerade vermutlich in einer unangenehmen Lage befindet, und vielleicht verängstigt ist. Auch hier ist das Anbieten von Hilfe und ggf. das Vertreiben der*des Angreifers die richtige Wahl. Es ist nicht angebracht, sich dem Opfer danach aufzudrängen. Gerade die Beschreibungen von Street Harassment können dich in deiner Selbstreflektion weiterbringen, denn eventuell hast du auch schon so gehandelt und so Frauen in Bedrängnis gebracht. Auch wenn du das Gefühl von Bedrohung vermutlich selbst kaum nachvollziehen kannst, ist es als mitdenkender Ally z.B. sinnvoll, nachts die Straßenseite zu wechseln, statt hinter einer Frau herzugehen. Selbst wenn du nichts Böses im Schilde führst, solltest du dir bewusst sein, dass die Frau nicht in deinen Kopf gucken kann.
Gleiches gilt beim Flirten und in Beziehungen: Es sollte dir wichtig sein, dass Frauen sich in deiner Umgebung wohl fühlen. Nur, weil du (sexuelles) Interesse an einer Frau hast, solltest du nicht dein ganzes Ally-Verhalten über Bord werfen und in alte Muster zurückfallen. Handle immer im Konsens! Gerade Beziehungen sind ein wichtiges Feld, um neue Ideen vorzuleben. Draußen den großen Held zu spielen, aber zuhause selbstverständlich davon auszugehen, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn du heimkommst und die Mutter/die Mütter deiner Kinder es sind, die in Elternzeit gehen, machen dich nicht zum Ally.
Lass emanzipatorische Ideen in deinen Alltag einfließen, mache sie auch für dein nicht-feministisches Umfeld zur Normalität und erwarte keine Lorbeeren dafür. Sei jeden Tag und in jeder Situation Ally und nicht nur, wenn es für dich gerade angenehm ist.

Als Feministin wünschst du dir, dass ein Teil der Gesellschaft einfach schon das lebt, wofür du kämpfst und dir helfend unter die Arme greift, wenn du mal nicht mehr kannst. Solche, die aktiv eine sichere Umgebung für Frauen schaffen, aber nicht über deinen Kopf hinweg eingreifen auf eine Art, die du nicht willst und die nicht abgesprochen war. Männer, die Allies sein wollen, weil ihnen eine Veränderung der Gesellschaft und ihre Mitmenschen wichtig sind und die sich nicht davon versprechen, über den Feminismus irgendwelche Blumentöpfe zu gewinnen. Männer, die sich ihrer Privilegien bewusst sind und freundschaftlich an der Seite von Feministinnen stehen, statt auf dem weißen Pferd herangeritten kommen, um die Prinzessin in ihr Bett zu entführen.

Kommentare:

  1. "Auch wenn du das Gefühl von Bedrohung vermutlich selbst kaum nachvollziehen kannst, ist es als mitdenkender Ally z.B. sinnvoll, nachts die Straßenseite zu wechseln, statt hinter einer Frau herzugehen."
    Interessanter Punkt, danke fürs darauf aufmerksam machen!

    Auch abgesehen davon ein guter, lesenswerter Artikel.

    AntwortenLöschen
  2. Danke für den Text! Eine sehr schöne Erklärung zu dem Verhältnis von Allies und Feminist_innen, ohne dieses "so wirst du ein guter Ally in 10 Tagen! *patpatpat*". Hoffentlich nehmen sich das einige zu Herzen...

    AntwortenLöschen
  3. "Viele Feministinnen sind zu recht skeptisch gegenüber denen geworden, die sich selbst großzügig als Allies stilisieren, von deren Taten allerorten zu hören, aber so gar nichts zu sehen ist."
    Allerdings würde es auch Frust ersparen, wenn man die Männer* erst einmal fragt, ob sie Allies sind, bevor man sie als solche sieht und sich dann darüber ärgert, dass sie sich vielleicht nicht so bewusst verhalten wie es ein Allie tun würde.

    AntwortenLöschen
  4. "Hast du in einem Gespräch viele Redeanteile, die besonders lang sind? Verhälst du dich dominant? Könnten Frauen aufgrund deiner Redensweise keine Lust mehr haben, sich am Gespräch zu beteiligen?"

    Meinst du, ich sollte das auch als Frau beachten?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich finde es okay, dass gerade in feminist. Diskussionen mal Frauen* mehr Redeanteile haben (siehe Text). Generell sollte aber natürlich von allen untereinander auf genug Raum für alle geachtet werden.

      Löschen
  5. Huhu,

    nur so aus Interesse: Der Artikel ist ja ausschließlich aus der Perspektive von dir, FibrePiratess, verfasst. Welchen Anteil an dem Text hat jetzt AranJaeger?

    Danke und viele Grüße

    AntwortenLöschen